Contents : Kriegführung und Politik.

88  IV.  Die  Kriegführung  der  Zweiten  Obersten  Heeresleitung.

es  nicht  zu  dem  einheitlichen  strategischen  Handeln  im  Osten,  das
andernfalls  möglich  gewesen  wäre.

Der  Angriff  der  k.  u.  k.  Armee  in  den  Karpathen  blieb  in  seinen
Anfängen  stecken.  Die  Operationen  des  Oberbefehlshabers  Ost
hatten  zwar  einen  großen  taktischen  Erfolg;  ihm  konnte  aber  nicht
die  erhoffte  strategische  Auswertung  gegeben  werden.

Die  Zweite  O.  H.  L.  stellte  sich  jetzt  auf  den  Boden  einer  Strategie
  mit  beschränkten  Zielen  und  nahm  eine  abwartende  Haltung
ein,  statt  den  Entschluß  zu  fassen,  die  Entscheidung  gegenüber  Rußland
  zu  suchen.  Diese  abwartende  Haltung  wirkte  auf  Italien.  Der
deutschen  Diplomatie  gelang  es  nicht,  es  neutral  zu  erhalten.  Die
internationale  Freimaurerei  hatte  leichtes  Spiel  und  trieb  es
in  die  Arme  der  Entente.  5%

Unter  dem  Druck  der  Ereignisse  an  der  k.  u.  k.  Front  in  den
Karpathen  sah  sich  die  O.  H.  L.  nun  doch  veranlaßt,  Anfang  Mai
in  Galizien  anzugreifen,  mit  dem  Endziel:  „dauernde  Lähmung  der
russischen  Offensivkraft".

Das  konnte  nur  durch  vernichtende  Schläge  erreicht  werden,
die  Rußlands  Mark  trafen.

Der  Angriff  bei  Tarnow-Gorlice  Anfang  Mai  1915  entsprach
dem.  Er  war  bei  der  gespannten  Lage  und  den  schweren  Kämpfen
im  Westen  sowie  der  Haltung  Italiens  eine  kühne  Tat.  Er  genügte
aber  in  seiner  Auswirkung  nicht,  um  das  Ziel  zu  erreichen,  das
sich  die  Zweite  O.  H.  L.  gesteckt  hatte.  Zu  dem  ersten  Schlage
mußten  neue  hinzutreten.

Über  den  Unterschied  der  Auffassungen  in  der  Weiterführung  der
Operationen  im  Osten  zwischen  der  O.  H.  L.  und  dem  Oberbefehlshaber
  Ost  ist  schon  viel  geschrieben,  zuletzt  auf  Grund  eingehender
  Quellenbenutzung  von  Oberstleutnant  Foerster").  Ich  brauche
daher  nur  festzustellen,  daß  die  O.  H.  L.  im  Juli,  also  in  einer  Zeit,
zu  der  Teile  des  russischen  Heeres  noch  westlich  Warschau—Iwangorod
  standen,  den  Gedanken  ablehnte,  über  Kowno  und  nördlich

*)  „Graf  Schlieffen  und  der  Weltkrieg“.  Zweiter  Teil.  Die  Ostoffensive  in
Galizien  und  Rußland,  Betrachtungen  über  die  Heerführung  des  Generals
v.  Falkenhayn.  Berlin  1921.