Volltext : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

122  Die  ãserrritisq  ·  ingarisqe  RNenarqie.  (Juni  21.  -22.)

das  Wahlrecht  auf  24  Jahre  es  auf  solche  Rechtstitel  begründen  wollen,
daß  das  Wahlrecht  ein  gründliches,  ehrliches,  ein  weites  Ausmaß  besitzendes
sei,  daß  es  kein  ungern  gewährtes  teilweises  Wahlrecht,  sondern  daß  es
eine  auf  die  arbeitenden  und  kämpfenden  Massen  sich  erstreckende  vollkommene
  Reform  bringt.  Im  Rahmen  dieser  Reformen  wünschen  wir  auch
das  Wahlrecht  der  das  Karl-Truppenkreuz  besitzenden  Kämpfer  zu  verwirklichen,
  welche  als  eine  an  die  Person  geknüpfte  Berechtigung  unserer
Ansicht  nach  nicht  an  die  oben  erwähnte  Altersgrenze  geknüpft  werden  kann.
Was  das  geheime  Stimmrecht  betrifft,  so  wollen  wir  weiter  gehen  als  das
Gesetz  vom  Jahre  1913  und  es  in  allen  Bezirken  durchführen,  wo  die
Grundbedingungen  einer  ernsten  Ausübung  des  geheimen  Stimmrechtes,
nämlich  eine  zahlreiche  Intelligenz  und  Kenntnis  des  Lesens  und  Schreibens,
vorhanden  sind.  Wir  wollen  ferner  durchführen,  daß  die  Wähler  von  Amts
wegen  in  die  Wählerliste  ausgenommen  werden.  Durch  das  Berbot  der
Wagengelder,  der  Verpflegung,  der  Embleme  und  Fahnen  sowie  auf  jede
geeignete  Weise  wollen  wir  die  Reinheit  der  Wahlen  sichern.  Durch  eine
nach  richtigen  Prinzipien  durchgeführte  Bezirkseinteilung  wollen  wir  diese
Unverhältnismäßigkeiten  beseitigen.  Indem  ich  der  Ueberzeugung  bin,  daß
die  verschmelzende  Kraft  des  gleichen  Rechtes  die  Vaterlandsliebe  und
Einheit  nur  steigern  kann,  hofen  wir,  daß  die  formelle  Majorität  des
Hauses  die  Schaffung  der  unvermeidlichen  Reform  nicht  weiter  verhindern
wird.  Sollten  wir  uns  aber  in  dieser  Hoffnung  täuschen  müssen,  so  wären
wir,  obwohl  wir  entschieden  bestrebt  sind,  es  uns  angelegen  sein  zu  lassen,
daß  während  des  Krieges  Neuwahlen  nicht  nötig  seien,  gezwungen,  gegenüber
  der  formellen  Majorität  Hilfe  bei  den  Wählern  zu  suchen.

In  der  sich  anschließenden  Besprechung  der  Regierungserklärung  gibt
Kultusminister  Graf  Albert  Apponyi  (Unabh.)  eine  Erklärung  ab,  in
welcher  er  seinen  Eintritt  in  das  Kabinett  trotz  der  zwischen  ihm,  beziehungsweise
  seiner  Partei  und  den  Mitgliedern  der  Regierung  bezüglich
des  Ausgleiches  mit  Oesterreich  bestehenden  verschiedenen  Ansichten  begründet.
Zum  Eintritt  in  das  Kabinett  sei  er  durch  den  Umstand  bewogen  worden,
daß  das  Kabinett  zur  Erledigung  überaus  wichtiger  Probleme  die  Leitung
der  Regierungsgeschäfte  übernommen  habe  und  daß  er  in  strikter  Erfüllung
seiner  Pflichten  als  Politiker  hierbei  seine  und  die  Mitarbeit  seiner  Partei
nicht  vorenthalten  konnte.

Abg.  Graf  Stephan  Tisza  (Nat.  Arb.)  erklärt  bezüglich  der  Gründe
der  Demission  des  früheren  Kabinetts:  Die  Frage  der  Wahlreform  war
es,  bezüglich  welcher  die  vorige  Regierung  Sr.  Maj.  gewisse  Vorschläge
unterbreitete.  Diese  Vorschläge  haben  die  Krone  nicht  in  der  Hinsicht  beruhigt,
  ob  sie  den  Wünschen  und  Ansprüchen  der  Nation  genügen.  Deshalb
habe  sein  Kabinett  die  Demission  gegeben,  und  eine  neue  Regierung  sei
gekommen,  welche  es  versuchen  werde,  das  Wahlrecht  auf  breiterer  Grundlage
  durchzuführen.  Unter  normalen  Verhältnissen  wäre  dies  eine  ganz
einfache  Sache,  inmitten  des  Weltkrieges  aber,  wo  man  darauf  bedacht  sein
müsse,  daß  die  Kräfte  der  Nation  nicht  zerstückelt  werden,  müsse  alles  verhütet
  werden,  was  die  innere  Ordnung  und  Ruhe  gefährden  könnte.  Eben
deshalb  müsse  er  darauf  verweisen,  daß  diejenigen  eine  große  Verantwortung
  auf  sich  laden  würden,  welche  das  Land  in  die  Notwendigkeit  der
Durchführung  von  Neuwahlen  verwickeln  würden.  Was  das  allgemeine
Regierungsprogramm  anbelange,  welches  vom  Ministerpräsidenten  nur  kurz
angedeutet  worden  sei,  könne  er  nur  kurz  erklären,  daß  er  und  seine  Partei
mit  dem  ins  Auge  gefaßten  Ziel  einverstanden  seien.  Obwohl  zwischen  ihm
und  seiner  Partei  einerseits  und  der  Regierung  sowie  den  diese  unterstützenden
  Parteien  andererseits  große  Gegensätze  bestehen,  hoffe  er  dennoch,