Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

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Auch  in  einem  anderen  Punkte  bin  ich  volllommen  einer  Meinung
mit  Graf  Tisza,  der  dem  Grafen  Karolyi  auf  dessen  Bemerkung  antwortete,
  unsere  Diplomatie  sei  schuld  in  dem  Punkte.  daß  Italien  und
Rumänien  auf  die  gegnerische  Seite  übertraten.  In  eines  einzigen  Satze
gesagt,  fasse  ich  die  Situation  so  auf,  daß  Rumänien  und  Italien  eine
falsche  Machtspekulation  gemacht  haben,  als  sie  sich  der  uns  feindlichen
Gruppe  anschlossen.  Und  da  frage  ich:  Wie  konnte  ein  Diplomat  die  in
das  italienische  und  rumänische  Volk  hineingetragenen  Ansichten  über  die
innere  Schwäche  Oesterreich-Ungarns  niederringen?  Gründe,  an  denen
unsere  Diplomatie  vollkommen  unschuldig,  denen  gegenüber  sie  machtlos
war,  haben  den  Anlaß  für  diese  falsche  Einschätzung  unserer  Kräfte  gegeben.
  Daß  diese  Einschätzung  der  Kraft  Oesterreich--Ungarns  falsch  war,
ist  das  Erfreuliche  daran.

Einer  der  Herren  hat  die  Liebenswürdigkeit  gehabt,  mich  zu  fragen,
wie  ich  über  die  amerikanische  Kriegserklärung  denke.  Nicht  bestätigte
  Nachrichten  lassen  die  Möglichkeit  offen,  daß  Amerika  uns  ebensogut
wie  unseren  beiden  Bundesgenossen,  der  Türkei  und  Bulgarien,  den  Krieg
erklären  werde.  Ich  sage  nicht,  es  werde  sein,  sondern  nur,  es  könne  sein,
aber  sollte  dieser  Fall  auch  eintressen,  dann  werden  wir  dennoch  nichts
von  dem  bedauern  können,  was  wir  in  der  Vergangenheit  gemacht  haben.
Wir  haben  wegen  unserer  treuen  Bundesgenossenschaft  mit  Deutschland
mit  der  Gegnerschaft  Amerikas  rechnen  müssen.  Wenn  Amerika  diese  Konsequenzen
  zieht,  so  ist  es,  ich  gebe  es  zu,  schmerzlich  wegen  der  Oesterreicher
  und  Ungarn,  die  in  Amerika  sind  und  die  in  die  peinlichste  Situation
gelangen.  An  dem  Kriegsergebnisse  jedoch  wird  das  nicht  das  geringste
ändern.  Wenn  ich  von  Amerika  spreche,  möchte  ich  die  Herren  immerhin
auf  die  heutige  Rede  (s.  Ver.  St.,  4.  Dez.)  des  Präsidenten  Wilson  aufmerksam
  machen,  die  in  mancher  Beziehung  unverständlich  und  unklar  ist,
die  aber  doch  einen  beherzigenswerten  Fortschritt  in  dessen  Anschauungsweise
  in  einer  Richtung  enthält.  Der  Präsident  hat  gesagt,  indem  er  von
unserer  internen  Situation  spricht:  „Wir  müssen  indessen  hervorheben,  daß
wir  Oesterreich-Ungarn  in  keiner  Weise  schädigen  wollen,  und  daß  es  nicht
unsere  Sache  ist,  uns  mit  den  Institutionen  der  Völker  zu  befassen.  Wir
wollen  ihnen  in  keiner  Weise  ihr  Verhalten  vorschreiben,  wünschen  aber,
daß  sie  ihre  Angelegenheiten,  die  großen  und  die  kleinen,  selbst  ordnen.“
Wenn  man  diese  Auffassung  vergleicht  mit  jener,  welche  die  Entente  in
die  Monarchie  hineingeworfen  hat  und  die  mit  dem  Schlagwort  „Selbstbestimmungsrecht
  der  Bölker“  bezeichnet  wird,  das  auf  einer  Friedenskonferenz
  mit  Hilfe  der  Entente  verwirklicht  werden  soll,  so  finde  ich  in
der  heutigen  Auffassung  des  Präsidenten  der  Union  einen  großen  bedeutenden
  Fortschritt,  einen  Fortschritt,  welchen  wir  anerkennen  und  welchen
festzuhalten  wir  ein  lebhaftes  Interesse  haben.  Wenn  ich  diese  Gelegenheit
  ergreifen  darf,  um  über  diese  Frage,  über  dieses  Schlagwort  vom
Selbstbestimmungsrechte  der  Völker  noch  ein  Wort  zu  verlieren,
so  möchte  ich  meinen  Standpunkt  diesbezüglich  präzisieren,  wie  solgt:  Das
Wort  vom  „Selbstbestimmungsrecht  der  Völker“  ist  in  diesem  Krieg  im
Rahmen  der  Kriegszieldiskussionen  ziemlich  spät  aufgetaucht.  Eine  allgemein
gültige  Definition  dafür  zu  geben,  ist  unmöglich,  da  fast  jeder  der  Staatsmänner,
  die  von  demselben  Gebrauch  machten,  ihm  einen  anderen  Begriff
zugrunde  legte,  so  daß  man  sagen  kann,  es  gebe  so  viele  Begriffsbestimmungen
  dieses  Wortes,  als  Aeußerungen  darüber  vorliegen.  Wenn  wir
dem  Ursprunge  dieses  Schlagwortes  nachgehen,  so  finden  wir,  daß  es  an
das  von  der  Entente  seit  Kriegsbeginn  vorgeschützte  Kriegsziel,  den  „Schutz
der  kleinen  Nationen“,  anknüpft.  Die  „kleinen  Nationen“,  das  waren  die