Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Die  ãsterreiqhisq  ·  nngarise  HRenarqhie.  (Mai  28.  -3.  81

mit  ukrainischen  Politikern,  es  liege  ihm  daran,  irrtümliche  Auffassungen
über  die  Möglichkeit  von  Grenzverschiebungen  im  Osten,  welche  zu  einer
Beunruhigung  weiterer  Kreise  des  ukrainischen  Volkes  Anlaß  gegeben  hätten,
zu  beseitigen.  Die  Monarchie  stehe  auf  dem  Standpunkt  eines  ehrenvollen
Friedens  ohne  Gebietsabtretungen,  es  sei  daher  selbstverständlich,  daß  auch
keinerlei  solche  Abtretungen  bezüglich  Ost-Galiziens  oder  der  Bukowina  von
irgendeiner  maßgebenden  Stelle  beabsichtigt  seien.  Die  Regierung  sei  entschlossen,
  den  Entwicklungsbedürfnissen  des  ukrainischen  Volkes  Rechnung
zu  tragen,  es  solle  keine  Ursache  haben,  wegen  Nichterfüllung  seines  Anspruches
  auf  gleiche  Behandlung  auf  allen  Gebieten  des  öffentlichen  Lebens
Klage  zu  führen.  Es  werde  das  ernsteste  Bestreben  der  Regierung  sein,
bei  der  kommenden  Neuordnung  der  Verhältnisse  einen  Weg  zu  finden,  der
auch  den  Wünschen  des  ukrainischen  Volkes  entspreche.

28.  Mai.  (Krakau.)  Tagung  des  reichsrätl.  Polenklubs.

Die  Vollversammlung  der  poln.  Reichsrats-  und  Landtagsabg.  stimmt
dem  am  16.  (s.  S.  76)  angenommenen  Antrag  über  die  Polenfrage  zu.

Ferner  wird  folgende  Entschließung  angenommen:  Die  poln.  Landesvertretung
  stellt  fest,  das  einzige  Streben  des  poln.  Volkes  sei  die  Wiedererlangung
  eines  unabhängigen  Polens  mit  freiem  Zutritt  zum
Meer  und  erklärt  sich  mit  diesem  Streben  solidarisch.  Die  poln.  Landesvertretung
  stellt  fest,  daß  der  polnischen  Frage  ein  internationaler  Charakter
  zugrunde  liegt,  und  betrachtet  deren  Lösung  als  Unterpfand  eines
dauernden  Friedens.  Die  poln.  Landesvertretung  gibt  der  Hoffnung  Ausdruck,
  daß  der  den  Polen  zugetane  Kaiser  von  Oesterreich  die  Lösung
der  poln.  Frage  in  die  Hand  nehmen  werde.  Die  Wiedererrichtung  Polens
mit  Hilfe  Oesterreichs  wird  an  die  Seite  der  österr.  Monarchie  einen  natürlichen
  und  dauerhaften  Bundesgenossen  stellen.  Außerdem  wird  beschlossen,
daß  der  Polenklub  die  Initiative  zu  Friedenskundgebungen  im  Parlament
  ergreifen  und  das  Klubpräsidium  sich  rechtzeitig  mit  den  anderen
Parteien  des  Hauses  ins  Einvernehmen  setzen  soll.

29.  Mai.  Der  Klub  der  deutschen  soz.  Abg.  veröffentlicht
folgende  Kundgebung:

Der  Klub  der  deutschen  soz.  Abg.  entbietet  dem  Petersburger  Arbeiterund
  Soldatenrat  als  Pionier  des  Weltfriedens  und  der  europäischen  Demokratie
  seine  Grüße  und  erklärt  seine  völlige  Uebereinstimmung  mit  ihm
in  diesem  doppelten  Ziele.  Der  Klub  ist  entschlossen,  auch  auf  dem  Boden  des
Parlaments  mit  aller  Entschiedenheit  für  einen  raschen  Friedensschluß
ohne  Annexionen  und  Entschädigungen  zu  wirken.

30.  Mai.  (Reichsrat.)  Eröffnung  der  Tagung.

Abgeordnetenhaus.  —  Nachdem  Ministerpräsident  Graf  Clam-Martinic
  das  Ministerium  vorgestellt  hat,  hält  Alterspräsident  Frhr.
v.  Fuchs  die  Begrüßungsansprache,  die  namentlich  bei  den  deutschnat.  und
den  christlichsoz.  Abg.  mit  lebhaftem  Beifall  ausgenommen  wird.

Sodann  wird  an  Stelle  des  Abg.  Dr.  Sylvester,  der  aus  privaten
Gründen  eine  Wiederwahl  abgelehnt  hat,  der  Obmann  des  Disch.  Nationalverb.
  Dr.  Groß  mit  215  von  421  Stimmen  (195  Stimmzettel  sind  leer,
9  ungültig,  1  lautet  auf  den  Abg.  Dr.  Sylvester,  1  auf  den  Abg.  Simon
Starck)  zum  Präsidenten  gewählt.  In  seiner  Antrittsrede  erklärt
Dr.  G.,  daß  er  unparteiisch  seines  Amtes  walten  und  jederzeit  die  Rechte  des
Hauses  wahren  werde.  Sodann  fährt  er  fort:  Mehr  als  drei  Jahre  sind  verflossen,
  seit  das  Parlament  versammelt  war.  Oesterreich  war  der  einzige
kriegführende  Staat,  der  während  des  Krieges  einer  gesetzlichen  Volksver-Europäischer

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