84 Die Ireriichisch= ungarische Menarchie. (Mai 30.)
schaffende Königreich Polen angegliedert werde, und betrachten
jeden Versuch in dieser Richtung als einen Gewaltakt an dem lebendigen
Körper des ukrainischen Bolkes. Die Bertreter der Ukrainer Oesterreichs
begrüßen die Bestrebungen der Ukrainer Rußlands nach Erlangung des
staatsrechtlichen Selbstbestimmungsrechtes auf das herzlichste und erklären,
daß sie auch in Oesterreich den Kampf nicht aufgeben werden, damit die
große ukrainische Nation auf ihrem gesamten nationalen Territorium zu
ihrem vollsten Rechte gelange.
Im Namen des Deutschen Nationalverbandes, der Christlichsoz.
Vereinigung und jener deutschböhmischen Abgeordneten, die keinem
dieser Verbände angehören, gibt Abg. Pacher folgende Erklärung ab: Das
böhmische Staatsrecht, durch welches Millionen von Deutschen in
den Sudetenländern gegen ihren Willen in ein neues staatliches Gebilde
eingezwängt werden sollen, ist nicht nur für diese, sondern auch für die
Deutschen aller Länder und aller Parteien ein für allemal abgetan. Jeder
Versuch, eine Wiedererweckung des böhmischen Staatsrechts, das vor allem
den Rechten der Deutschen in Böhmen auf nationale Selbstverwaltung
widerspricht, wird den schärfsten Widerstand aller Deutschen im Staate
hervorrufen. Auch die staatsrechtlichen Bestrebungen, die in den Erklärungen
der südflawischen Abgeordneten unverhüllt zutage getreten sind, werden auf
die entschlossene Abwehr aller Deutschen in Oesterreich stoßen. Daß diese
Fragen gerade jetzt, wo durch den Weltkrieg die Notwendigkeit eines starken
einheitlichen Gesamtstaates erwiesen wurde, aufgeworfen werden, verurteilen
wir auf das schärfste. Dem Reichsrat, der berufen ist, am Neubau des
Staates im Sinne seiner Einheitlichkeit und Geschlossenheit mitzuarbeiten,
dürfen nicht Zeit und Kraft durch einen Streit weggenommen werden, von
dem erwiesen ist, daß er zu nichts führt. Jetzt mehr als je haben sich alle
dem Staate unterzuordnen. Wir Deutschen tun dies und lassen uns
von dieser Pflicht durch nichts und am wenigsten durch die heute abgegebenen
staatsrechtlichen Erklärungen abdrängen.
Der neugewählte Obmann des Polenklubs Abg. Dr. Lazarski erklärt,
der Polenklub werde im gegebenen Zeitpunkte zur Polenfrage Stellung nehmen.
Abg. Dr. Stransky (Pole) stellt fest, daß auch die Polen den Standpunkt
einnähmen, daß alle von Polen bewohnten Gebiete vereinigt werden sollen.
Ministerpräsident Graf Clam-Martinie erklärt, die Regierung werde
zu dem Inhalt der vorgebrachten Erklärungen in einer der ersten auf die
Thronrede folgenden Sitzungen (s. S. 96 ff.) Stellung nehmen.
Das an das Präsidium des Deutschen Reichstages gerichtete
Telegramm lautet: Das österr. Abgeordnetenhaus entbietet bei seinem
Zusammentritt dem Deutschen Reichstage die herzlichsten Grüße. Das
Bündnis zwischen dem Deutschen Reiche und der österr- ung. Monarchie
hat im Kriege die Feuerprobe bestanden. Die Aufgabe der beiderseitigen
Volksvertretungen wird es sein, dafür zu sorgen, daß das mit Strömen
edlen Blutes gekittete und gefestigte Bündnis nicht nur weiter bestehe,
sondern weiter entwickelt werde zum Segen unserer Völker. Möge den
Waffen der glorreichen verbündeten Armeen der Sieg treu bleiben, damit
wir ehestens zum ehrenvollen Frieden gelangen.
In der Antwort des Präsidenten Dr. Kaempf heißt es: Fest aneinander
geschlossen, kämpfen die Heere und Flotten der verbündeten Reiche
für unsere Freiheit, unsere Unabhängigkeit und für unser Leben. Der siegreiche
Frieden wird, des sind wir sicher, Fürsten und Völker geeint finden,
die Wunden zu heilen, die dieser gewaltigste aller Kriege uns geschlagen
hat, und unsere Nationen zu neuer Blüte, Kraft und Wohlfahrt zu führen.
Die Presse hebt den würdigen Verlauf der Eröffnungssitzung des