Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

Dentsqes  Reich.  Okt.  5Z.  327

freudige  Mitarbeit  an  den  schweren  Aufgaben  der  Kriegszeit  gehemmt.
Bis  auf  weiteres  können,  wie  das  Beispiel  aller  kriegführenden  Staaten
lehrt,  die  außerordentlichen  Machtbefugnisse  nicht  entbehrt  werden,  die  der
Belagerungszustand  verleiht.  Aber  es  muß  ein  enges  Verhältnis  zwischen
den  Militär-  und  Zivilbehörden  hergestellt  werden,  das  es  ermöglicht,  daß
in  allen  nicht  rein  militärischen  Angelegenheiten,  also  besonders  auf  dem
Gebiete  der  Zenfur,  des  Vereins=  und  Versammlungswesens,  die  Gesichtspunkte
  der  zivilen  Verwaltungsbehörden  maßgebend  zur  Geltung  kommen,
und  daß  die  Entscheidung  letzten  Endes  unter  die  Verantwortlichkeit  des
Reichskanzlers  gestellt  wird.  Zu  diesem  Zwecke  wird  ein  Befehl  des  Kaisers
an  die  Militärbefehlshaber  ergehen  und  die  Kaiserl.  Verordnung  v.  4.  Dez.
1915  unverzüglich  entsprechend  ausgebaut  werden.

Mit  dem  30.  Sept.  1918,  dem  Tage  des  Erlasses,  beginnt  eine  neue
Epoche  in  Deutschlands  innerer  Geschichte.  Beifall.)  Die  innere  Politik,
die  damit  in  ihren  Grundzügen  vorgezeichnet  ist,  ist  von  entscheidender
Bedeutung  für  die  Frage  über  Krieg  und  Frieden.  Die  Stoßkraft,  die  die
Regierung  in  ihren  Bestrebungen  für  den  Frieden  hat,  hängt  davon  ab,
daß  hinter  ihr  ein  einheitlicher  und  fester,  unerschütterlicher  Volkswille  steht;
nur  wenn  die  Feinde  fühlen,  das  deutsche  Volk  steht  geschlossen  hinter  seinen
verantwortlichen  Staatsmännern,  nur  dann  können  Worte  zu  Taten  werden.
Die  deutsche  Regierung  wird  bei  den  Friedensverhandlungen  dahin  wirken,
daß  in  die  Verträge  Vorschriften  über  Arbeiterschutz  und  Arbeiterversicherung
  ausgenommen  werden  (Beifall),  welche  die  vertragschließenden  Regierungen
  verpflichten,  in  ihren  Ländern  binnen  einer  gemessenen  Frist  ein
Mindestmaß  gleichartiger  oder  doch  gleichwertiger  Einrichtungen  zur  Sicherung
  von  Leben  und  Gesundheit  sowie  zur  Versorgung  der  Arbeiter  bei
Krankheit,  Unfall  und  Invalidität  zu  treffen.  Ich  rechne  bei  der  Vorbereitung
  auf  den  sachkundigen  Rat  der  Arbeiterverbände  sowohl  wie  der
Unternehmer.  Solange  noch  deutsche  Volksgenossen  in  Gefangenschaft  sind,
werde  ich  mich  um  die  warme  Fürsorge  für  ihr  Wohl  mit  allen  Kräften
bemühen.  Auch  der  in  unserer  Gefangenschaft  lebenden  Feinde  werde  ich
mich  in  gerechter  Weise  fürsorgend  annehmen.  M.  H.,  ich  bin  überzeugt,
daß  dieses  Programm,  von  dem  ich  nur  die  Grundzüge  dargestellt  habe,
den  Vergleich  mit  allen  fremden  Regierungsgrundsätzen  aushält.  Noch  näher
auf  Einzelheiten  einzugehen,  scheint  mir  heute  nicht  angebracht.  Die  Beratungen,
  die  wir  vor  dem  Zustandekommen  der  neuen  Regierung  gepflogen
haben,  sind  selbstverständlich  viel  mehr  in  die  Tiefe  gegangen,  als  ich  in
meiner  knappen  Zusammenfassung  der  wichtigsten  Punkte  hier  wiederzugeben
vermag.  Ich  glaube  aber  andererseits  auch,  daß  dem  Hohen  Hause  jetzt  gar
nichts  daran  gelegen  ist,  meine  Auffassung  über  Nebendinge  kennen  zu
lernen.  Das  Entscheidende  ist,  wenn  ich  die  Lage  richtig  erfasse,  meine
Auskunft  über  den  allgemeinen  Geist  der  neuen  Regierung.  Denn  jeder,
der  diesen  richtig  versteht,  kann  ohne  weiteres  daraus  folgern,  wie  die
Reichsleitung  sich  zu  den  schwebenden  Einzelfragen  stellt.  Ich  bin  ja  auch
selbstverständlich  gern  bereit,  dem  Reichstag  gegenüber  bei  späteren  Gelegenheiten
  noch  genaueren  Aufschluß  zu  geben.

Von  unmittelbarer  Wichtigkeit  sind  jetzt  die  Folgerungen,  die  die  neue
Reichsleitung  in  der  kurzen  Zeitspanne  ihres  bisherigen  Daseins  praktisch
aus  der  Lage,  die  sie  vorfand,  und  aus  der  Nutzanwendung  ihrer  politischen
  Grundsätze  auf  diese  Lage  gezogen  hat.  Mehr  als  vier  Jahre  des
blutigsten  Ringens  gegen  eine  Welt  von  zahlenmäßig  überlegenen  Feinden
liegen  hinter  uns:  Jahre  voll  schwerster  Kämpfe  und  schmerzlichster  Opfer.
Ein  jeder  von  uns  trägt  seine  Narben,  nur  allzuviele  sogar  noch  offene

dunden  —  sei  es  im  verborgenen  Grunde  der  Seele  oder  an  seinem  opfer-