Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

64  Vorgeschichte  der  Akadeınie.

Unterdessen  boten  die  Unionsverhandlimgen  wieder  neue  Aussichten,
und  Leissız  umsichtige  und  besonnene  Mitwirkung  wurde  vom  Kurfiirsten
  um  vom  Minister  vox  Fucus  anerkannt!.  Das  Misstrauen
gegen  ihn  verschwand  mehr  und  mehr:  mit  Jasronskı  wurde  das
Verhältniss  immer  herzlicher:  aber  seine  persönlichen  und  wissenschaftlichen
  Hoffnungen  in  Bezug  auf  Berlin  blieben  bei  alledem
unerfüllt.  Da  kam  von  ganz  unerwarteter  Seite  eine  überraschende
Hülfe.  und  sie  führte  zum  Ziele.

).

Seit  dem  Jahre  1694  war  der  Professor  Ernarp  WEIGEL  in  Jena”
unerimitdlich  thätig,  die  Abschaffung  des  julianischen  Kalenders  und
die  Reinigung  des  Kalenderwesens  beim  Corpus  Evangelicornm  in
Regensburg  zu  bewirken®.  Im  Zusammenhang  damit  plante  er  ein
Collegiun  Artis  Consultorum  im  heiligen  röinischen  Reich  und  legte
diesen  seinen  Plan  auch  Lrmsız  vor.  Eine  allgemeine  Soeietät  der
Wissenschaften  in  Deutschland  gehörte  längst  auch  zu  Weıskı  s
Wünschen;  aber  wie  sie  in  dem  zersplitterten  Reiche  verwirklichen?
Jetzt  glaubte  er  ein  Mittel  gefunden  zu  haben,  zwei  grosse  Zwecke  mit
einem  Schlage  zu  erreichen:  einer  Reichsanstalt,  die  aus  etwa  zwanzig
  Mitgliedern  bestehen  könne,  solle  das  Kalenderwerk  als  Monopol
  für  Deutschland  übertragen  werden:  aus  den  reichen  Einkünften,
die  dieses  Monopol  gewähren  würde,  solle  sich  jenes  Collegium  Artis
Consultorum  allmählich  zu  einer  Akademie  entwickeln,  die  ausser
der  Astronomie  auch  die  anderen  mathematischen  Wissenschaften
pflegen  und  für  die  Hebung  der  Künste  und  Handwerke  thätig  sein

I  Siehe  JauLoxskr's  Brief  vom  17.  Dee.  1699  (Karrens  Sammlung  8.  941.)
und  das  Schreiben  der  Kurfürstin  SopkiE  CnarıorrE  an  LEiBNıZ  vom  9.  December
1699  (Kıore.  Werke,  10.  Bd.  S.  56),  dessen  Schluss  zeigt.  dass  die  Kurfürstin  die
Hoffnung.  ihn  in  Berlin  zu  sehen.  nicht  aufgegeben  hat,

*  Geb.  1625.  seit  1652  Professor  in  Jena,  wo  Purrxporr  und  Leissız  bei  ihm
schört  haben.  gest.  am  31.  März  1699;  vergl.  über  ihn  E.  Sriess.  Eruarn  WEiGeL,
1881.  und  den  Art.  i.  d.  Allg.  Deutschen  Biogr.  (41.  Bd.  S.465  ff.)  von  R.  Kxorr.
Ein  geistvoller  Mann.  in  seiner  Vielseitigkeit  und  in  dem  Gegensatz  zum  herrschenden
  Schulbetrieb  Leisxız  verwandt.  führte  er  seine  Schüler  in  die  Werke  vou  Car-TEsıivs,
  Hrco  Grories  und  llopers  ein.

®  Dass  diese  Pläne  mindestens  bis  in’s  Jahr  1694  hinaufreichen,  zeigt  der
Brief  an  Leisxız  vom  16.  April  1694:  »Zu  dem  vor  diesem  schon  unmassgeblich
vorgeschlagenen  Collegio  Artis  Consultorum  hab  ieh  unlängst  zu  Regensburg  einige
ante  Vertröstung  erhalten,  werde  es  diesen  Sommer  aber  nach  Möglichkeit  weiter
ureiren«  (Bibliothek  zu  Hannover).