Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

u  —  m  Bam  nn  m

—  mn

ob  er  sich  auf  die  Seite  der  Schutzzöllner  stellen  und  dadurch  die  guten
Beziehungen  Deutschlands  zu  allen  Mächten  einschließlich  seiner  Verbündeten
  gefährden  solle,  oder  ob  er  es  wagen  könne,  den  Konservativen
die  Stirn  zu  bieten,  die  fast  alle  agrarische  Schutzzöllner  seien,  und  ohne
die  man  weder  in  Preußen  noch  im  Reiche  zu  regieren  vermöge.  Selbst
dem  Kaiser  sei  das  trotz  zweimaliger  Versuche  in  dieser  Richtung  nicht
gelungen.

In  der  äußeren  Politik  übte  Deutschland  nach  belgischem  Urteil
damals  eine  weitgehende  Zurückhaltung.  Scharf  kam  diese  darin  zum
Ausdruck,  daß  man  es  in  Berlin  ablehnte,  den  zur  Anrufung  europäischer
Hilfe  nach  dem  Kontinent  gekommenen  Präsidenten  Krüger  zu  empfangen,
  obwohl  fast  das  ganze  deutsche  Volk  mit  seinen  Sympathien
auf  der  Seite  der  Buren  stand.  Das  belgische  Urteil  über  diese  Vorgänge
ist  bemerkenswert.  Wir  entnehmen  es  einem  Rundschreiben  vom  8.  Dezember
  1900?).  England  hatte  deutlich  erklärt,  es  werde  jeden  Versuch
der  Einmischung  in  den  südafrikanischen  Konflikt  als  unfreundliche
Handlung  ansehen.  Da  nun  keine  Kontinentalmacht  zur  See  stark
genug  war,  sich  gegen  England  zu  erklären,  besonders  Deutschland  nicht,
das  die  ungeheure  Entwicklung  seines  Außenhandels,  seiner  Kauffahrteiflotte
  und  seiner  Kolonialanlagen  in  hohem  Maße  verwundbar  machte,
so  mußte  schon  eine  Koalition  gegen  England  geschaffen  werden,  wenn
wirklich  etwas  ausgerichtet  werden  sollte.  Deutschland  konnte  sich
aber  dem  Zweibunde  nicht  anschließen,  wenn  es  gegen  England  ging;
das  sei  wohl  gegen  China  möglich  gewesen,  nicht  aber  in  diesem  Falle.
Denn  Deutschland  könne  es  dabei  sehr  leicht  geschehen,  daß  es  sich
zwischen  zwei  Stühle  setze  und  von  seinen  Eintagsverbündeten  verlassen
werde,  nachdem  erst  einmal  seine  Beziehungen  zu  England  unwiderruflich
  gestört  seien.  Dann  aber  könnte  Deutschlands  Verhalten  vielleicht
  sogar  zu  einer  englisch-französisch-russischen  Koalition  gegen
Deutschland  führen.  Deutschland  habe  es  vermieden,  den  schweren
politischen  Fehler  einer  Herausforderung  Englands  jetzt  zu  begehen.
Daher  stamme  die  Mißstimmung  in  Paris  über  die  Weigerung  des  Kaisers,
den  Präsidenten  Krüger  zu  empfangen.

Die  Früchte  der  damaligen  Zurückhaltung  erntete  Deutschland  in
dem  Abschlusse  des  sogenannten  Yangtse-Vertrages  mit  England  vom
16.  Oktober  1900,  der  die  unverminderte  Erhaltung  des  chinesischen
Besitzstandes  aussprach,  Rußlands  Sonderpolitik  im  fernen  Osten  hemmte,
die  internationale  Mission  des  Grafen  Waldersee  in  China  aber  erleichterte.
Der  an  den  Baron  Greindl  in  Berlin  gerichtete  belgische  Bericht  vom
20.  Dezember  1900,  der  sich  über  das  neue  deutsch-englische  Abkommen
ausspricht,  vergißt  nicht  hinzuzufügen,  daß  man  in  Paris  darüber  sehr
besorgt  sei;  auch  sei  zwischen  Paris  und  Petersburg  eine  merkliche,  in
Frankreich  schmerzlich  empfundene  Erkaltung  eingetreten?).

1)  Bd.  1,  S.  64/65.
2)  Bd.  1,  S.  66.

92