Friedens verschafft hat, und daß die Gefahr nicht von Deutschland kommt
das mit seinem Besitze zufrieden ist, sondern von den Mächten, die bestrebt
sind, die europäische Karte zu ändern... Der Dreibund hat
während langer Zeit den Frieden in Europa garantiert. Es ist zweifelhaft,
ob die neue Gruppierung der Mächte, die man zustande zu bringen sucht,
dieselbe Sicherheit bietet.“ Darüber herrschte auch bei dem Londoner
Gesandten kein Zweifel, daß es bei allen Maßnahmen der englischen
Politik jetzt hauptsächlich aufeine Isolierung Deutschlands abgesehen seit).
Eindringlicher noch betont das wiederum Greindl in einem Berichte
vom 8. Juni 1906, der einer zusammenfassenden Besprechung des Kaiserbesuches
in Österreich gewidmet war?). „Der Wunsch des deutschen
Kaisers, das Vorhandensein des Dreibundes zu unterstreichen, ist um
so mehr verständlich, als die nicht an ihm beteiligten Mächte ihn dauernd
in Bresche zu schießen versuchen, und die Treue Italiens mindestens
zweifelhaft geworden ist... Die Politik des Herrn Delcasse hat den
Sturz des alten französischen Ministers des Äußeren überlebt. Sie hat
zu Algeciras triumphiert und findet in den Pariser beeinflußten Blättern
ihre Fortsetzung. Trotz der freundschaftlichen Reden englischer Staatsmänner
anläßlich des Besuches der deutschen Bürgermeister und trotz
der Besserung der amtlichen Beziehungen scheint die Haltung der bri
tischen Regierung sich seit dem Eintritt des liberalen Ministeriums nicht
geändert zu haben. Sir E. Grey versichert, es bestehe keine Vereinbarung
zwischen England und Rußland, aber offenbar bereitet man eine Annäherung
vor, und diese ist bereits wenigstens bis zur Hälfte vollendet.
Was sollte sonst der angekündigte wechselseitige russische und englische
Flottenbesuch bedeuten?
„Hat man wegen der Festigkeit des russischen Kredites den bisher
für russische Anleihen verschlossenen englischen Markt ihnen soeben
geöffnet? Was kann England von einem Lande fürchten oder hoffen,
das für lange Jahre durch militärische Zusammenbrüche und durch
eine Revolution gelähmt ist, deren Ausgang niemand voraussehen kann?
Wie man mit Recht gesagt hat: der beherrschende Gedanke der einer
Annäherung an Rußland geneigten englischen Staatsmänner scheint
hauptsächlich der zu sein, die Isolierung Deutschlands zu vervollständigen
und aufrechtzuerhalten.‘‘ Diesen letzten Satz hatte Greindl wörtlich
aus dem Berichte seines Londoner Kollegen vom 22. Mai entnommen?)
Wie stand es bei der schwierigen Lage des Dreibundes mit Italien?
Zweimal war letzthin Italien außenpolitisch eigene Wege gewandelt,
einmal während der Konferenz von Algeciras, sodann in der Frage der
deutsch-englischen Spannung. „Die Spannung der Beziehungen zwischen
Deutschland und England“, so äußert sich der belgische Gesandte zu
Rom am 20. Juni 1906°), „ist kein Geheimnis; zurzeit ist sie glücklicher-1)
London, 22. Mai 1906, Bd. I, S. 117/118.
2) Bd. II, S. 119ff.
3) Bd. I, S. 118; s. o.
‘) Bd. II, S. 122ff.
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