Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

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und  läßtsichaufeine  Bahn  drängen,  die  zueinem
allgemeinen  Kriege  führen  kann.)

Fünf  Tage  später  nahm  Baron  Beyens  anläßlich  der  Rede  des  deutschen
  Kanzlers  über  die  neue  Wehrvorlage  eingehend  Stellung  zur
Weltlage?).  Nachdrücklich  stellt  er  die  „klare,  abgemessene,  aller  rhetorischen
  Floskeln  entbehrende‘“  Sprache  des  Kanzlers  der  des  Fürsten  Bülow
entgegen,  um  dann  schließlich  aber  doch  die  von  Bethmann  Hollweg
geltend  gemachten  Gründe  für  die  neue,  ‚ein  enormes  Opfer‘  heischende
Wehrvorlage  als  Hypothesen  zu  bezeichnen.  Hypothese  sei  der  Ersatz  der
Türkei  durch  einen  jungen,  kräftigen  Balkanbund:  dieser  Bund  werdesich
mit  der  Teilung  der  Beute  auflösen.  Hypothese  sei  der  Zukunftskampf
zwischen  Slawismus  und  Germanismus:  wo  ende  der  eine,  und  wo  beginne
der  andere?  Hypothese  endlich  sei  der  zu  fürchtende  Einfluß  panslawistischer
  und  chauvinistischerStrömungen  unddieSorge,  daßkriegerisch
gesinnte  Minoritäten  über  die  friedlichen  Majoritäten  die  Oberhand  gewinnen
  könnten.  In  Rußland  wisse  der  Zar  sehr  wohl,  daß  der  Boden
durch  geheime  Gesellschaften  unterwühlt  sei,  und  daß  ein  unglücklicher
Krieg  den  Romanows  die  Krone  kosten  würde.  Die  aus  dieser  Erwägung
sich  ergebende  Vorsicht  des  Zaren  sei  eine  der  besten  gegenwärtigen
Garantien  für  die  Erhaltung  des  Friedens.

Auch  die  Ausführungen  des  Kanzlers  über  die  deutsch-französischen
Beziehungen  bekämpft  Beyens.  Er  gibt  zwar  zu,  daß  der  Nationalismus
der  Franzosen  durch  die  Affäre  Dreyfus  wieder  erweckt  und  auf  ihren
Gipfelpunkt  gesteigert  worden  ist,  meint  aber,  die  zwecklosen  Grobheiten?)
  der  deutschen  Politik  in  der  Marokko-Angelegenheit  dafür  verantwortlich
  machen  zu  dürfen,  daß  man  sich  in  Frankreich  nicht  schneller
wieder  beruhigt  habe.  Der  französische  Nationalismus  finde  seinen
Gegenspieler  in  der  alldeutschen  Presse,  die  ihm  allerdings  in  weniger
heftigem  Tone  antworte.  Beyens  meint,  man  müsse  zwischen  den  Zeilen
der  Bethmannschen  Rede  trotz  seiner  höflichen  Anerkennung  für  die
französische  Armee  herauslesen,  daß  für  Deutschland  der  eigentliche
Gegner,  gegen  den  sich  die  neue  Wehrvorlage  richte,  Frankreich  sei
und  bleibe.

Das  Entgegenkommen  Bethmanns  gegenüber  der  englischen  Politik
tadelt  Beyens  als  zu  weitgehend.  Offenbar  wolle  die  kaiserliche  Regierung
aller  Welt  zu  verstehen  geben,  daß  die  Flottenrivalität  beendet  sei,  und
daß  infolgedessen  niemand  mit  einer  Unterstützung  Rußlands  und  Frankreichs
  im  Kriegsfalle  durch  England  rechnen  dürfe.  „Es  scheint,“  fügt
Beyens  hinzu,  ‚daß  dies  nicht  das  geschickteste  Mittel  ist,  um  das  Herz
der  Engländer  zu  gewinnen.‘  Im  ganzen  will  er  in  der  Wehrvorlage
mehr  eine  neue  Gefahr  als  eine  Bürgschaft  für  die  Erhaltung  des  europäischen
  Friedens  erblicken.  Für  die  Wahl  des  Zeitpunktes  dieser  neuen
deutschen  Heeresvorlage  bezieht  Beyens  sich  auf  eine  Auslassung  in  der

ı)  Vom  Verfasser  hervorgehoben.
®)  Berlin,  9.  April  1913;  Bd.  IV,  S.  139  ff.
°)  „brusqueries  inutiles.‘“

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