Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

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Der  Frühjahrsbesuch  des  englischen  Herrscherpaares  in  Paris  gab
am  24.  April  Beyens  Veranlassung,  sich  mit  den  deutsch-französischen
Beziehungen  aufs  neue  zu  beschäftigen.  Er  verurteilt  die  taktlosen  Bemühungen
  gewisser  französischer  Publizisten,  auf  eine  Umwandlung  der
französisch-britischen  Entente  cordiale  in  ein  wirkliches  Bündnis  hinzuwirken.
  Ernest  Lavisse  hatte  in  einem  Briefe  an  die  ‚Times‘  die  elsaßlothringische
  Frage  eine  europäische  und  eine  Weltfrage  genannt.  „Für
die  Deutschen‘,  sagt  Beyens!),  „gibt  es  keine  elsaß-lothringische  Frage,
wenigstens  nicht  in  dem  Sinne,  wie  es  die  Franzosen  meinen,  seitdem  das
Waffenglück  diese  alten  germanischen  Provinzen?)  endgültig  mit  dem
Deutschen  Reiche  wieder  vereinigt  hat.  Bei  ihnen  gibt  es  nur  Meinungsverschiedenheiten
  hinsichtlich  der  Art  und  Weise,  wie  Elsaß-Lothringen
zu  verwalten  ist,  das  nicht  leicht  zu  regieren  ist.  Die  einen  sind  für  die
starke  Hand,  die  anderen  für  Milde.  Die  Deutschen  sind  überzeugt,
daß  England  niemals  zu  den  Waffen  greifen  wird,  um  Frankreich  zur
Wiedereroberung  der  verlorenen  Provinzen  zu  verhelfen.  Herr  Cambon
sieht  wieder  die  Hand  des  Herrn  Iswolski  in  diesem  zwecklosen  Feldzuge
der  russischen  und  französischen  Zeitungen...  Der  französische  Botschafter
  in  Berlin  hofft  daher,  daß  der  intrigante  Diplomat  bald  den
Zaren  in  London  vertreten  wird.  Er  wird  sich  dort  davon  überzeugen
können,  daß  die  öffentliche  Meinung  nichts  dafür  übrig  hat,  England  seine
Aktionsfreiheit  durch  einen  förmlichen  Vertrag  einbüßen  zu  sehen,  der
sein  Schicksal  an  das  Rußlands  und  Frankreichs  fesseln  würde.‘  Überhaupt
  bestehe  bei  der  englischen  radikalen  Partei  ein  großer  Widerwille
gegen  ein  Bündnis  mit  Frankreich;  ihre  Sympathien  gehörten  vornehmlich
  Deutschland.

Unmittelbar  in  das  Problem  des  Weltkrieges  versetzt  uns  dann  die
Bemerkung  des  belgischen  Gesandten  über  die  voraussichtliche  Haltung
Englands  im  Kriege.  ‚Für  uns  ist  die  interessanteste  Frage,  ...  ob  die
britische  Regierung  heute  ebenso  wie  vor  drei  Jahren  geneigt  wäre,  im
Falle  eines  Konfliktes  Frankreichs  mit  Deutschland  an  dessen  Seite  zu
treten.  Wir  hatten  den  Beweis  dafür,  daß  die  Mitwirkung  der  englischen
Armee  und  die  Entsendung  eines  Expeditionskorps  auf  den  Kontinent
von  den  Militärbehörden  beider  Länder  ins  Auge  gefaßt  worden  war.
Würde  es  heute  noch  ebenso  sein,  und  müßten  wir  noch  immer  befürchten,
daß  englische  Soldaten  in  Belgien  einmarschieren,  um  uns  in  der  Verteidigung
  unserer  Neutralität  dadurch  beizustehen,  daß  sie  sie  von  vornherein
  bloßstellen?‘‘  Vom  deutschen  Standpunkte  aus,  meint  Beyens,
—  und  das  sei  der  einzige,  den  er  einnehmen  könne  —  müsse  man  diese
Frage  verneinen.  In  Berlin  habe  man  den  Eindruck,  als  sei  vielleicht
die  Spitze  der  ‚Verteidigungswaffe‘‘  der  Entente  cordiale  nicht  mehr  ausschließlich
  gegen  Deutschland  gerichtet,  wie  sie  es  zur  Zeit  des  Königs
Eduard  war.  Aber  Beyens  selbst  äußert  sogleich  Zweifel,  ob  diese  Auffassung
  auch  wohl  die  richtige  sei,  und  wünscht  seine  in  Berlin  gewonnenen

1)  Belgische  Aktenstücke,  Nr.  113.
?)  „ces  anciennes  provinces  germaniques.““

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