Full text: Der Fehlspruch von Versailles.

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Wie sehr übrigens in dieser Zeit die Öffentliche Meinung Rußlands 
grundsätzlich geneigt war, für Frankreich und gegen Deutschland 
Partei zu nehmen, erweist ein Petersburger Bericht vom 28. Mai 18881), 
in dem über die deutschen Absperrungsmaßregeln im Reichslande gegen- 
über Frankreich vom russischen Standpunkte aus geklagt wird. Die 
Stimmung werde dadurch verschärft, zumal Deutschland gerade eben 
neue Einfuhrzölle für Getreide festsetzen wolle. Frankreich und Ruß- 
land fänden sich ‚sozusagen in einem gemeinsamen Geiste der Feind- 
seligkeit seitens ihres mächtigen Nachbarn geeint“. 
Diese Stimmung konnte nicht ohne Rückwirkung auf Deutschland 
bleiben. „Die Deutschen bleiben überzeugt,‘ meint der neue Berliner 
Gesandte, Baron Greindl, der von April 1888 die ganze Reihe von Jahren 
bis 1912 Belgien am deutschen Kaiserhofe vertreten hat, in einem Be- 
richte vom 9. Juni 1888°), „die Deutschen bleiben überzeugt, daß die 
Franzosen sich in zwei Klassen teilen, solche, die die Revanche nach einer 
gewissen Zeit, und solche, die sie sofort wollen. Ein dauerhafter Frieden 
auf der Grundlage des status quo ist daher nicht wahrscheinlich. Von 
seiten Rußlands ist die Gefahr ebenso groß, obwohl dieses Reich alle guten 
Gründe dazu hätte, den Krieg nicht zu wünschen. Seine Finanzen sind 
im beklagenswerten Zustande und in der Abhängigkeit von der Berliner 
Börse. Im Falle eines Zusammenstoßes könnten Rußlands Feinde als 
äußerstes Hilfsmittel in der Insurgierung Polens eine schreckliche Waffe 
finden. Bereits haben deutsche Zeitungen sich im Oktober vorigen Jahres 
gefragt, ob der Tag nicht kommen könnte, wo man das Herzogtum an 
Polen zurückgeben müsse, damit dieses so einen Grenzwall zwischen 
Deutschland und Rußland bilde. Nun meint man, daß der Zar weniger 
als je geneigt sei, den französischen Revolutionären die Hand zu reichen; 
er bezeuge seinen Wunsch, den Frieden zu erhalten. Ich zweifle nicht 
daran, daß dieser Wunsch aufrichtig gemeint ist; ich bin sogar seit meinem 
letzten Aufenthalte in Rußland ganz fest davon überzeugt. Unglücklicher- 
weise hat der Zar widersprechende Neigungen. Er will zwar den Frieden, 
aber mit allen den Vorteilen, die er nach einem siegreichen Feldzuge 
fordern könnte. Er hat niemals darauf verzichtet, einen vorherrschenden 
Einfluß in Bulgarien zu beanspruchen, und die panslawistische Presse 
macht kein Hehl daraus, daß, wenn sie sich so sehr lebhaft für dieses an 
sich bedeutungslose Land interessiert, dies nur deshalb geschieht, weil es 
auf dem Wege nach Konstantinopel liegt. Es ist ganz einerlei für Europa, 
ob Bulgarien gut oder schlecht regiert wird, ob dieser oder jener Fürst 
in Sofia herrscht. Die bulgarische Frage würde nicht existieren, wenn 
Rußland sich nicht darauf versteifte, sie offenzuhalten.“ 
Kann nun Deutschland die Entwicklung der Dinge im Orient gleich- 
gültig so weitergehen lassen? Greindl meint, diese Frage verneinen zu 
müssen. Die Sicherheit Deutschlands erfordere, sich Unternehmungen 
entgegenzustellen, deren Zweck es sei, die Macht seines nördlichen Nach- 
1) Bd. V, S. 223 ff. 
2) Bd. V, S. 225 ff. 
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