64 1I. 4. Fortenkwickelung des Reiches (1871). Beginn des tirchlichen Kampfes.
Geistlichkeit bei allen politischen Umtrieben beklagten, da rief das schwarze Zentrum
üppig: „Thatsachen, Beweise!“
Vornehmlich die Abgeordneten Fischer und Völk aus Bayern gaben die verlangten
Beweise so, daß den Schwarzen die Angen übergingen. Sie brachten eine Fülle
mleungbarer Thatsachen bei für die skandalösen Mittel der von den Bischösen angeordneten,
von ihren Geistlichen in Predigten und Zeitungen betriebenen Hetzarbeit. Völk
erinnerte an die Rede jenes bayrischen Bischofs, der durch eidliche Zengenanssagen
überführt wurde, öfsentlich gefagt zu haben: „Unser König ist von Gottes Gnaden,
und wenn die Könige nicht mehr von Gottes Gnaden sein wollen, so bin ich der erste,
der die Throne umstürzt!“ und der dann noch die Standhaftigkeit besaß, zu erklären,
so etwas könne er nicht gesagt haben. Zuvor hatte schon Minister Lutz dargethan, daß
ein bayrischer Pfarrer von der Kanzel verkündete: jeder königliche Beamte, welcher die
Erklärung des Ministers Lutz in der bayrischen Kammer vom 14. Oktober verbreite,
verfalle der Exkommmmikation, ja daß der Erzbischof von Bamberg dasselbe gethan
habe. Völk schilderte dann weiter die fürchterliche Abhängigkeit der niederen katholischen
Geistlichkeit von ihren Oberen und belegte damit die Notwendigkeit eines Gesetzes,
auf welches sie sich gegen politische Zumutungen ihrer geisllichen Vorgesetzten
berufen könnten. Und doch durfte Völk von sich sagen:
„Ich weiß mich bei Gott frei von jedem Hasse gegen die Kirche, ich hatte auch keine Ursache
dazu, ich bin als Katholil aufgewachsen, und die ersten Gebete, die mich meine Mutter gelehrt
hat, und die ich noch kenne, waren katholische Gebele, und die ersten Wohlthaten, die der arme
Bauerubube bekommen hat, hat er alle von einem geistlichen Herrn Vetter erhallen, und das
alles ist noch dentlich in mein Herz geschrieben. Nicht Haß gegen die Kirche, sondern die Betrübnis
darllber, daß sie das Beste, was am Menschen ist, seine Religion, nicht in der Weise zur
Entsaltung kommen läßt, wie sic zur Entkfaltung kommen soll; das allein hat mir das Wort in
den Mund gegeben und wird es mir in den Mund geben, solange ich lebe!“
Selbstverständlich spielte sich das Zentrum bei dieser Gelegenheit als geborener
Wächter der „Freiheit“ auf und siellte das hier geplante „Ansnahmegesetz“ auf eine
Linie mit den Karlsbader Beschlüssen. Ihnen enigegnete scharf und treffend der Abgeordnete
Gneist:
„Nicht um die Begründung, sondern um die Aufhebung eines Ausnahmezustandes hanudelt
es sich hier. Die Geistlichen verlieren nicht eine Freiheit, welche andere besitzen, sondern ein
Vorrecht, das niemand außer ihnen hat, und das sie nur mißbräuchlich sich angemaßt haben.
Die geringste Störung des Gottesdienstes wird auss strengste bestraft, die Strung des öffentlichen
Friedens von der Kanzel herab war bisher straflos. Die Geistlichen durften, was kein Laie durfste.
Das neue Gesetz macht ihnen bemerklich, daß auch sie Unterthauen sind wie feder andere.“
Am 28. November ward der „Kanzelparagraph“ mit allen Slimmen gegen
das Zentrum und elf „Fortschrittslente“ unter Führung von Eugen Nichter angenommen.
Für den „gesetzlichen“ Sinn der katholischen Geistlichkeit nach Verkündung des
Gesetzes aber gibt ein beredtes Zeugnis der Beschluß deshochwürdigen Klerus der württembergischen
Stadt Cham vom 8. Dezember: „Wir fürchten uns nicht vor dem zweijährigen
Gefängnis und werden tausendmal lieber in den Kerker gehen, als siumme
Hunde machen.“