Zwang, Freiwilligkeit und Selbstbestimmung als Erziehungsmächte. 27
um ihn herum, er fängt an, vor allem selbständig zu denken.
Die Psychologie hat nachgewiesen, daß eine Funktion des Denkens,
die für die Erkenntnis und den Erkenntnisaufbau von grundlegender
Wichtigkeit ist, nämlich das zusammenhängende Denken,
das Denken nach Grund und Folge, das Prüfen der Gedanken auf
ihre Übereinstimmung unter einander etwa mit dem zwölften
Jahre erst richtig einsetzt. Bis dahin haben selbstverständlich die
Kinder auch gedacht, sie haben einzelne Gedanken gebildet, sie haben
auch richtig oder falsch gedacht, aber das, was wir Denken mit
Prägnanz nennen, nämlich das Denken mit Bewußtsein, logischer
Stimmigkeit, innerer Richtigkeit, das entwickelt sich erst in der
Pubertät. Und daher kommt der ungeheure Räsonniereifer aller
jungen Leute — wenigstens der männlichen, die ich vorzugsweise
kenne —, die Debattiersucht, daher kommt das geistige Leben in den
Jugendklubs. Was sie denken, die Themata, liegen sehr häufig, auch
nach ihrer eigenen Ansicht, jenseits ihrer Fassungskraft. Aber das
formale Spiel der geistigen Kräfte, das Interesse an Folgerichtigkeit
und Zusammenhang der Gedankenbildung ist ungemein lebendig
und rege, es ist die spezifische Aufgabe dieses Entwicklungsalters,
den Formalismus in der geistigen Funktion zu fördern. Daher sind
die Jugendlichen auch immer darauf aus (was den jüngeren
Schülern gar nicht einfällt), dem Lehrer Widerspruch nachzuweisen,
und niemand, der auf diesen Jugendstufen unterrichtet, ist davor
sicher, daß er nicht die ganze Autorität, die er als Lehrer und
Pfleger besitzt, verscherzt, diskreditiert, wenn er aus Unachtsamkeit
sich etwas anders ausdrückt. Sofort wird ihm dieser andere Ausdruck
als Abweichung von seiner Meinung, als gedankliche Unklarheik
oder Selbstwiderspruch ausgelegt.
Aber nicht nur im Denken, auch in der Werthaltung
kündigt sich die Verselbständigung an. Auch in dem, was
die Kinder für schön, gut und recht halten, werden sie
eigener in der Reifeepoche. Bis dahin sind die Kinder in ihren
Bewertungen ganz und gar abhängig vom Vorbilde der Erwachsenen,
besonders ihrer Eltern, sie haben ungefähr den Geschmack, die Rechtsbegriffe,
die Ehranschauung, die ihre Umgebung hat. Erst der
Jugendliche setzt sich zu dem Geschmacke seiner Familie in Gegensatz,
erst der Jugendliche sucht sich andere Personen zum Umgange heraus,
als die Eltern, seine Familienangehörigen ihm dafür bestimmen.
Zusammenfassend sage ich: Die seelische Lage der Jugend ist die
Krisenstimmung der geistigen und wirtschaftlichen Verselbständigung.
Als Einzelsymptome dieses Vorganges treten uns auf dem Gebiete der
intellektuellen Entwicklung das Wachstum der Abstraktionsfähigkeit,
Kritiksucht und Rechthaberei, die Vorliebe für politische, religiöse, soziale
Probleme entgegen, auf dem Gebiete der Entfaltung der positiven
Talente und Spezialanlagen der Dilettantismus, als Keimform und
Vorstufe schöpferischer Arbeit, auf dem Gebiete des Gefühls- und
Willenslebens ein tiefer Wandel der Werthaltungen, in der äußeren
Lebensführung die Nachahmung des Erwachsenen, besonders seines
Genußlebens mit ihren physischen und charakterologischen Folgen.