Full text : Der Deutsche Reichstag.

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muß  aufhören.  Ein  solcher  Abschluß  führt  nur  zu  Katastrophen,  entspricht
  in  keiner  Weise  unserer  nationalen  Gesinnung,  und  ist  kein  Abbild
  unseres  nationalen  Eeistes.“  Darauf  fragte  ein  Abgeordneter  der
Rechten,  d.  h.  der  nationalen  Seite  des  Reichstages:  ob  denn  die  Erstreckung
  des  Norddeutschen  Bundes  auf  den  Süden,  ob  denn  ein  gemeinsames
  Oberhaupt  über  ganz  Deutschland,  ein  deutsches  Vollparla-=ment
  nicht  Errungenschaften  genug  wären,  des  vergossenen  Blutes  wohl
wert?  In  dem  Munde  dieses  Redners  konnte  man  denn  doch  etwas
von  Begeisterung  vernehmen,  der  sich  sogar  zu  lautem  Jubel  steigerte,
als  der  Präsident  des  Bundeskanzleramtes  den  erwähnten  Brief  des
Königs  von  Bayern  verlas  Zum  ersten  Male  war  das  Wort  Kaiser
an  amtlicher  Stelle  gesprochen.  Minutenlang  erscholl  auf  der  einen
Seite  des  hohen  Hauses  lauter  Beifall  und  es  dauerte  noch  länger,  ehe
die  Bewegung  es  gestattete,  die  Debatte  fortzusetzen.  Einige  Abgeordnete
  verließen  ihre  Plätze,  um  an  den  Bundestisch  zu  eilen  und  Delbrück
  ihre  Glückwünsche  darzubringen.  Kaum  hatte  der  Sturm  auf  der
nationalen  Seite  des  Reichstages  nachgelassen,  da  setzte  sich  die  öde,  wie
eine  Sanduhr  rinnende,  nörgelnde  Debatte  über  „wichtigere“  Dinge  wieder
fort.

Von  seiten  der  beiden  konservativen  Fraktionen  war  die  unbedingte
  Annahme  der  Verträge  von  vornherein  gesichert,  ebenso  stimmten
die  Altliberalen,  sowie  die  Mitglieder  aus  Sachsen  größeren  teiles
zu.  Dagegen  wollte  die  nationalliberale  Partei  im  Verein  mit  der  Fortschrittspartei
  bei  der  zweiten  Lesung  den  Versuch  machen,  erhebliche
Aenderungen  in  den  Verträgen  durchzusetzen  vorbehaltlich  weiterer  Entscheidung
  bei  der  dritten  Lesung.  Es  kam  jedoch  bald  die  Ueberzeugung
zur  Geltung,  daß  die  beabsichtigte  Amendierung  der  Verträge  einer  Ablehnung
  derselben  gleich  zu  achten  wäre,  daß  aber  ein  solcher  Beschluß
nicht  bloß  die  deutsche  Sache,  sondern  auch  den  Friedensschluß  erheblich
gefährden  würde.  So  traten  denn  zuletzt  die  Bedenken  gegen  einzelne
der  Bestimmungen  vor  der  Genugthuung  über  die  Größe  und  Bedeutung
des  schon  gewonnenen  Ergebnisses  zurück.  Alle  Abänderungsvorschläge,
welche  von  verschiedenen  Seiten  gestellt  worden  waren,  um  der  neuen
deutschen  Verfassung  die  Verheißung  sogenannter  Grundrechte  einzuverleiben
  oder  die  den  süddeutschen  Staaten,  namentlich  Bayern,  gemachten
Zugeständnisse  zu  beseitigen,  wurden  entweder  zurückgezogen  oder  abgelehnt.
  Die  Zustimmung  zu  dem  bayerischen  Vertrage  erfolgte  mit
überwältigender  Mehrheit,  nachdem  der  Reichstag  fast  durch  Stimmen-Einhelligkeit
  die  Verträge  mit  Baden,  Hessen  und  Württemberg  genehmigt
  hatte.

Robolsky,  Der  deutsche  Reichstag.  12