Full text : Die Hohenzollern und ihr Werk.

Der  spanische  Erbfolgekrieg  und  der  nordische  Krieg.  ·  275

Friedens  und  der  evangelischen  Interessen  ins  Auge  faßte  —  selbst  damals  ist
es  zu  einem  wirklichen  Eingreifen  Preußens  in  den  nordischen  Krieg  nicht  ge—
kommen;  die  finanziellen  Schwierigkeiten  stehen  dabei  im  Hintergrunde.  An
großartigen  Entwürfen  hat  es  freilich  nicht  gefehlt.  Es  tauchte  ein  Projekt  auf,
Schlesien  und  Westpreußen  zu  erwerben;  auf  die  Erwerbung  Westpreußens  mit
Danzig  hatte  schon  1700  der  Geheime  Rat  Fuchs  die  preußische  Königskrone
begründen  wollen.  Aber  der  Geist  des  Großen  Kurfürsten,  der  aus  diesen
Entwürfen  hervorblickt,  war  nicht  in  seinem  Nachfolger;  er  hat  alle  diese  Pläne
abgewiesen;  sie  reizten  ihn  nicht.

Man  hat  von  jeher  bemerkt,  wie  seltsam  es  ist,  daß  die  beiden  großen
Kriege  im  Westen  und  im  Osten  des  enropäischen  Staatensystems  nebeneinander
hergegangen  sind,  ohne  zu  einem  allgemeinen  europäischen  Kriege  zusammenzufließen.
  Der  Grund  hierfür  liegt  in  der  Unfertigkeit  des  europäischen  Staatensystems.
  Die  Diplomatie  umspannte  zwar  schon  die  Ereignisse  vom  Westen
und  Süden  bis  in  den  äußersten  Osten  und  Norden,  aber  der  verbindende  Staat
zwischen  der  West=  und  Osthälfte,  Preußen,  war  noch  zu  schwach,  um  seine
Interessen  nach  beiden  Seiten  hin  wahrzunehmen  und  damit  eine  Vermischung
der  beiden  Kriege  herbeizuführen.  Andererseits  hatten  die  Seemächte,  nachdem
die  ersten  entscheidenden  Schläge  zu  ihren  Gunsten  gefallen  waren,  ein  Interesse
daran,  das  Herüberschlagen  der  Kriegsflamme  aus  dem  Osten  zu  verhüten,  weil
dies  unter  Umständen  dem  französischen  Gegner  hätte  zugute  kommen  können.
In  diesem  Sinne  haben  die  Verbündeten  auch  auf  die  preußische  Politik  eingewirkt.
  Dagegen  hätte  Ludwig  XIV.  gern  mit  Karl  XII.  angeknüpft,  namentlich
  zu  der  Zeit,  wo  er  in  Sachsen  stand;  doch  ist  dieser  Versuch  an  der  persönlichen
Abneigung  des  Schwedenkönigs  gegen  Ludwig  XIW.  und  an  seiner  festen  protestantischen
  Gesinnung  gescheitert.  Die  größte  Gefahr  einer  Vermischung  der
beiden  Kriege  und  zugleich  die  nächste  Veranlassung  zu  einem  Eingreifen  der
preußischen  Politik  lag  in  den  deutschen  Besitzungen  Schwedens.  Das  nördliche
Deutschland,  über  das  sie  zerstreut  waren,  ist  daher  auf  Veranlassung  der  Seemächte
  durch  das  Haager  Konzert  vom  März  und  Mai  1710,  dem  auch  der
Kaiser  beitrat,  für  neutral  erklärt  worden,  freilich  ohne  daß  man  diese  Neutralität
  durch  eine  Truppenaufstellung  gesichert  hätte.  Sie  ist  denn  auch  keineswegs
  von  den  kriegführenden  Mächten  beachtet  worden:  Karl  XII.  hat  von  der
Türkei  aus  dagegen  protestiert,  und  im  August  1711  sind  24  000  Mann  Russen,
Sachsen  und  Polen  in  das  schwedische  Pommern  eingebrochen.  Sie  haben  dabei
Hinterpommern  durchzogen,  obwohl  Preußen  neutral  blieb.  Auch  das  hat  den
König  nicht  zu  kriegerischem  Eingreifen  veranlaßt.  Seine  Truppen  kämpften
damals  in  den  Niederlanden  und  in  Italien;  noch  1711  hatte  Prinz  Eugen
in  besonderer  Mission  ihre  Verwendung  für  diese  Kriegsschauplätze  in  Berlin
durchgesetzt.  Die  Milizeinrichtungen,  die  man  seit  1701  und  namentlich  seit  1704
in  Preußen  getroffen  hatte,  haben  sich  nicht  bewährt.  Eine  zu  politischen  Zwecken
verwendbare  Feldarmee  bildeten  diese  sogenannten  Nationalregimenter  nicht.  Die
Schweden  wurden  in  den  nächsten  Jahren  ganz  aus  diesen  deutschen  Ländern  verdrängt
  und  1713  völlig  geschlagen;  Russen,  Polen  und  Sachsen  dominierten  seitdem
  in  Norddeutschland;  und  auch  Preußen  war,  wie  Friedrich  I.  klagte,  der
Diskretion  dieser  fremden  Völker  überliefert.  So  war  die  Lage,  als  Friedrich  I.
starb  und  Friedrich  Wilhelm  J.  zur  Regierung  gelangte  (25.  Februar  1713).

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