Volltext : Handbuch des Völkerrechts Dritter Band. (3)

400  Rechtshilfe  und  Auslieferungsverträge.

*)  „Ist  eine  bürgerliche  Rechtsstreitigkeit  in  dem  Gebiete  des  einen  vertragenden
  Theiles  rechtshängig  geworden  (loder  rechtskräftig  entschieden),  so  kann
die  Rechtshängigkeit  (oder  die  Rechtskraft)  vor  jedem  Gerichte  des  anderen  Theilez
geltend  gemacht  werden.“  Schon  Feuerbach's  Entwurf  eines  Rechtshilfever.
trages  enthielt  eine  einschlagende  Bestimmung,  Art.  21:  „Sobald  vor  irgend  einem
in  den  vorhergehenden  88  dieses  Staatsvertrages  bestimmten  Gerichtsstande  eine
Sache  rechtshängig  (pendent)  geworden  ist,  so  ist  der  Streit  daselbst  zu  beendigen,
ohne  daß  die  Rechtshängigkeit  durch  Veränderung  des  Wohnsites  oder  Anfenthaltes
des  Beklagten  gestört  oder  aufgehoben  werden  könnte.  Die  Rechtshängigkett
(Litispendenz)  wird  durch  Insinuation  der  Ladung  für  begründet  erkannt.“

5)  Gleichlautend  mit  Art.  19  des  in  Anm.  4  citirten  Bertrages,  aber  mit
dem  Zusatze:  „Diese  Bestimmung  findet  keine  Anwendung,  wenn  die  Vollstreckung
  des  in  einer  solchen  Rechtsstreitigkeit  gefällten  Erkenntnisses  nach  den
Bestimmungen  dieses  Bertrages  ausgeschlossen  oder  im  Falle  erhobener  Einwendungen
  zu  versagen  ist"“.

*)  Bgl.  unten  S.  414  f.

g  88.
Wirksamkeit  ausländischer  Urtheile.

Die  Frage  nach  der  Wirksamkeit  eines  von  einem  ausländischen  Gerichte
gesprochenen  civilrechtlichen  Urtheiles  kommt  für  das  Recht  aller  Staaten  in
zweifacher  Richtung  in  Betracht,')  zunächst  in  Beziehung  auf  die  Anerkennung
seiner  inneren  Rechtskraft  zwischen  den  Betheiligten  und  dann  in  Rücksicht
der  Zulässigkeit  zwangsweiser  Vollstreckung  gegen  den  Verurtheilten.)

Die  Theorie  des  internationalen  Proceßrechtes  ist  darüber  nicht
einig,  ob  beide  Fragen  nach  gleichen  Grundsätzen  zu  entscheiden  sind.
Manche  Schriftsteller  wollen  nämlich  die  innere  Rechtskraft  des  ausländischen
  Urtheiles  auch  unter  solchen  Voraussetzungen  anerkennen,  unter
welchen  sie  die  Zwangsvollstreckung  desselben  ablehnen.  v.  Bar  insbesondere
  behauptet,  daß,  „während  jedes  von  ausländischen  Gerichten
ergangene  Urtheil  zur  Vollstreckung  der  Vollstreckbarkeitserklärung
von  Seite  der  inländischen  Behörden  bedarf“  (a.  a.  O.  S.  467),  „es  zur
Anerkennung  des  Inhaltes  des  Urtheiles  einer  ausdrücklichen  Erklärung
  nicht  bedarf“  (a.  a.  O.  S.  470).3)  Aber  er  übersieht  hierbei  wohl,
daß  diese  Anerkennung  des  Urtheiles  als  einer  für  die  Parteien  auch  im
Inlande  maaßgebenden  Ordnung  des  zwischen  ihnen  streitigen  Verhältnisses,
  durch  welche  jedes  Zurückgreifen  auf  das  ursprünglich  zwischen
ihnen  bestandene  und  nun  durch  den  Richterspruch  geordnete  Rechtsverhältniß
  abgeschnitten  werden  soll,  nur  durch  den  Spruch  einer  inländischen
  Autorität,  nämlich  durch  die  Stattgebung  der  exceptio,  bezw.
replicatio  rei  judicatae  begründet  werden  kann.  Nur  wenn  eine  inländische
  Autorität  dies  ausdrücklich  verfügt,  ist  Derjenige,  der  in  dem  im
Auslande  entschiedenen  Processe  bereits  unterlegen  ist,  verhindert,  seinen
Anspruch,  wenn  nur  an  und  für  sich  für  denselben  ein  Gerichtsstand  im  Inlande
  besteht,  gegen  seinen  Gegner  nunmehr  auch  im  Inlande  geltend
zu  machen,  denn  des  Rechtes,  die  nach  allgemeinen  Normen  zur  Entscheidung
  über  einen  Anspruch  dieser  Art  bestellten  Gerichte  des  Inlandes