94 Aussprache.
Ich darf das nicht weiter erörtern. Alle, die wie ich lange Jahre
an der weiblichen Jugend gearbeitet haben, wissen, daß wir immer
gegen Windmühlenflügel kämpfen, solange wir diese schwere und mit
den stärksten Geldmitteln arbeitende Konkurrenz nicht überwinden
können, und ich sollte meinen, daß eine Gesellschaft, die sich Zentralstelle
für Volkswohlfahrt nennt, auch dieser Sache einmal ein aufmerksames
Auge zuwenden und wenigstens für eine Eindämmung aller
dieser schweren Schädigungen eintreten sollte.
Ganz kurz darf ich noch zu dem Vortrage von Fräulein Dr.
von Harnack sagen, daß ich mich unendlich gefreut habe, die
— ich finde sogar außerordentlich vorsichtige — Forderung einer
halbjährigen Schulung in hauswirtschaftlichen Dingen heute hier vor
diesem Kreise sachverständiger Leute zu hören. Wer gesehen hat, wie
wir überall Fiasko erleiden, wenn wir zum Beispiel die jungen
Mädchen zur Erlernung des Haushalts in Familien unterbringen,
der wird verstehen, daß wir allgemein zu der Forderung einer verständigen
und richtigen Schulung auf diesem Gebiete kommen
müssen. Ich wünsche den hauswirtschaftlichen Unterricht der jungen
ädchen nicht etwa im direkten Aufbau auf die Volksschule, sondern
nur zeitlich an diese angegliedert und möglichst auf dem Lande. Es
kommt für mich noch das Gesundheitliche in Betracht. Es gibt in
den Großstädten viele hundert arme Pflänzchen, denen nichts fehlt
als Sonne und Licht. Die müssen hinaus, ja, sie müssen auch hinaus
aus den Verhältnissen des elterlichen Hauses, das heute leider infolge
der furchtbaren Wohnungsverhältnisse diesen jungen Kindern auch
gesundheitlich so einfache Regeln genommen hat, daß sie nicht einmal
wissen, wie man gesund und richtig schläft und was für eine verständige
Körperhygiene notwendig ist. Wenn Sie wollen, daß
unserem Volke wieder gesunde und kraftvolle Mädchen erwachsen,
dann müssen sie auch einmal eine Zeit einer Gesundheitsschule
in günstigen Verhältnissen durchmachen, und ich glaube, das kann
und wird erst kommen, wenn wir sie hauswirtschaftlich erziehen,
möglichst auf dem Lande:; und da haben wir ja den Weg gesehen, so
daß diese Forderung gar nicht utopisch erscheint.
Dann möchte ich gleich noch, um ehrlich zu sein, sagen, daß ich
über den Standpunkt von Fräulein Dr. von Harnack noch hinausgehe.
Wir müssen schon jetzt die hauswirtschaftliche Ausbildung den
Töchtern aller Stände geben, nicht nur, damit diese Töchter alle
wissen, wie der Haushalt beschaffen sein muß, sondern damit sie,
wenn sie heranwachsen zu künftigen Jugendpflegerinnen oder zur
Arbeit in der sozialen Wohlfahrtspflege, genau wissen, was ein
Arbeiterhaushalt verlangt, wie das Existenzminimum eines Menschen
beschaffen sein muß, das Existenzminimum überhaupt für alle
Lebensverhältnisse. An der Unkenntnis dieser Verhältnisse kranken
wir Frauen der bessergestellten Schichten, darum begehen wir viele
Fehler in der Jugendpflege. Erst wenn alle unsere Mädchen durch
eine gleichmäßige hauswirtschaftliche Schule gegangen sein werden,
werden wir auch auf allen diesen Gebieten Fortschritte machen können.