Kapp: Das deutsche Elsaß
Selbstbewußtsein zu suchen. Und dieser Inhalt konnte
nach Lage der Dinge nur wiederum in dem gefunden
werden, was das Elsaß abseits von der deutschen
Entwicklung in der Verbindung mit Frank-=reich
geworden war. In diesem französischen Stoff
von Sprache, Kultur, geschichtlicher Erinnerung
glaubte man gegenüber dem starken Ich= und Selbstgefühl
der Altdeutschen ein Gegengewicht gefunden
zu haben, das stark genug schien, dem Elsässer gegenüber
dem hinzugekommenen fremden Element einen
Rückhalt, ja in gewisser Beziehung eine überlegenheit
zu bieten. Auf diesem ganz natürlichen Wege bekam
so das deutsche Elsaß gerade unter der deutschen
Herrschaft eine franzößsche Auffärbung. die es in der
Art vielleicht vor 1870 nicht hatte, obwohl damals
zahlenmäßig die französische Sprache bei Behörden,
Geschäften, Tsellschafttichen Zirkeln mehr vorherrschend
war. Der Französierungsprozeß im Elsaß war
eine notwendige Folge oder, wenn man so will, eine
notwendige Begleiterscheinung des durch das Wesen
deutschen Voltsums und Staatswesens hervorgerufenen
und genährlen elsässischen Partikularismus. Es
war dann diese französische TDönung in gewissem Sinn
ein Kampf= und Schußmittel mittels dessen man sich
in der Gesamtfamilie der Deutschen als ein ebenbürtiges,
gleichwertiges Stammesindividuum behaupten
wollte. Sowie also mit dem Erwachen des selbständigen
politischen Lebens im Elsaß die Parteien,
die Presse sich in den Dienst des partikularistischen
Gedankens stellten, mußten die französierenden Stimmungen
unter der Wirkung der Partei und Preßtätigkeit
besonders aufleben. Je intensiver das politische
Leben im Lande wurde und damit im Zusammenhang
der partikularistische Wille, desto stärker
trat die französierende Bewegung und Stimmung als
Ausdrucksform des elsässischen Partikularismus heraus.
Sie ist nicht von außen hineingetragen, sie ist
von innen erwachsen. Daß natürlich dieses partikularistische,
in französischer Gewandung gern einherschreitende
Elsässertum in nicht wenigen seiner Vertreter
anz von dem Vollfranzosentum verschlungen ward,
ist nur zu sehr begriflcch Denn diesem ganzen Prozeß
der geistig-politischen Selbstbewegung des Elsässertums,
das durch übernahme von Fremdstoffen sich
einen Halt zu geben suchte, haftete innerlich so viel
Unklares und Unwahres an, daß gerade die stärkeren,
ielbewußteren Geister aus dieser geistigen Luft nach
arheit und Wahrheit strebten und sie entweder im
völligen Franzosentum oder im eindeutigen Deutschtum
fanden. Aber die Hauptströmung, wie sie in der
Masse des Bürgertums bis in das Bauerntum und
in die Arbeiterwelt vertreten ward, ging in der Richtung
der Herausbildung des französisch-deutschen
Mischcharakters, in dem man die Legitimation für das
Streben nach dem individuellen Volks= und Staatsdasein
sich verschaffen wollte. Wäre die Entwicklung
weiter friedlich verlaufen, wäre es sogar zu der von
den Demokratien beider Länder gerade vor dem Kriege
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erstrebten Verständigung zwischen Frankreich und
Deutschland gekommen, so lag die Verwirklichung des
Traumes der Bildung eines französisch -deutschen
Volks= und Staatsgebildes, das die Brücke bilden sollte
zwischen den zwei fremden Welten, der romanischen
und der germanischen, nicht so x außer dem Bereich
der Möglichkeit. Aber daß die Verwirklichung dieses
Brückenideals für das Deutschtum in der Westmark
auch tödlich sein mußte, bedarf keines Nachweises.
Das Deutsche ist bei solcher noch dazu so gezwungenen
Verbindung stets der schwächere Teil.
Nun hat der Krieg anders entschieden. Die furchtbare
Katastrophe bedeutet das Ende dieser von Anfang
an falsch angelegten Entwicklung. Jetzt war mit
einemmal nur die Frage gestellt: Franzosentum oder
Deutschtum; nach dem Krieg wird durch den Zwang
der Tatsachen immer wieder jeder Elsässer sich vor
diese Frage gestellt sehen; sie wird zunehmend im deutschen
Sinne gelöst werden. Das gemeinsame schwere
Schicksal wird trotz des Aufwühlens alter Gegensätze
und Abneigungen schließlich doch mehr nach der deutschen
Seite hin wirken. Die Nötigung, das elsässische
Bewußtsein mit französischem Inhalt zu füllen, wird
geringer werden und erst recht, wenn der eigene Staat
gahinhaur und man nicht mehr vor die schwere Aufgabe,
ein elsässisches oder exsaßelothringisch Staats.
volk werden zu müssen, gestellt wird. Mit dem Wegfall
dieser Last fällt auch ein gut Stück des Zwanges,
sich nach charakteristischem Kulturgehalt von auhen
für diese Staats- und Volkspersönlichkeit umzusehen:
Elsaß als Teil eines deutschen Bundesstaates, ein
deutsches Elsaß.
Literatur. Zur elsässischen Frage: Lorenzu. Scherer,
Geschichte des Elsaß (Berk. 1872); Graf Eckbrecht v. Dürckheim,
Erinnerungen (Stuttg. 1891); Julius Petersen,
Das Deutschtum in Elsaß-Lothringen (Münch. 1902); Werner
Wittich, Deutsche und französische Kultur im Elsaß
(Straßb. 1900); Derselbe, Kultur und Nationalbewußtsein
im Elsaß (Revue Alsacienne= XI, 1909); Hans Spieser,
Elsaß-Lothringen als Bundesstaat (Berl. 1908); Wilhelm
Kapp, Das Elsässische Bürgertum (Straßb. 1908); Fritz
Kiener, Die Elsässische Bourgeoisie („Revue Alsacienne
XI, 1909); H. Ruland, Deutschtum und Franzosentum
in Elsaß-Lothringen (Kolmar 1908); R. Guerrier, Aus
Vergangenheit und Gegenwart des Elsasses (Stuttg. 1908);
Paul Grünberg, Zur elsässischen Lage und Frage (Straßb.
1908); F. Eccard, Die französische Sprache im Elsaß
(„Revue Alsaciennee XII, 1910); Wilhelm Kapp, Zur
elsässischen Kulturfrage („Preußische Jahrbücher, Bd. 39,
2. Heft 1910); Otto Flake, Elsässertum („Revue Alsacienne“
XII, 1910); Wilhelm Kapp, Das Elsaß (vPatriac,
1911). — Während des Krieges: Von einigen Elsässern,
Wohin gehört Elsaß = Lothringen? Herausgegeben
von Friedr. Lienhard (Zürich 1915); Friedr. Lienhard,
Welttrieg und Elsaß-Lothringen (Berl. 1916); Wilhelm
Kapp, Die Westmark des Deutschen Reiches in Vergangenbet
und Gegenwart (das. 1916); E. v. Borries, Eineitung
zu deutscher Dichtung im Elsaß von 1815— 1870
(Swaße, 1916); Gustav Anrich, Deutsche und französische
Kultur im Elsaß (das. 1916); Herm. Wendel, Elsaß-Lothringen
und die Sozialdemokratie (Berl. 1910).