254 Geschlechtsleben.
mäßiger geschlechtlicher Verkehr in möglichst natürlicher Form erhalten bleibt,
die Empfängnis aber verhütet wird. Viele Arzte haben sich mit dieser Aufgabe
beschäftigt; verschiedene Arzte haben praktische Vorschläge gemacht und
Verhütungsmittel erfunden; es ist teilweise Besserung dadurch auf diesem
Gebiet schon erzielt, aber auch manche Verwirrung angerichtet worden. Die
Unkenntnis über gewisse natürliche Vorgänge ist namentlich bei den Frauen
so groß, daß dem Arzte immer wieder von neuem die Aufgabe erwächst, aufzuklären
und zu warnen. Vor allem soll immer wieder festgestellt werden,
daß geschlechtlicher Verkehr mit künstlicher Verhinderung seiner natürlichen
Folgen unsittlich ist und stets bleiben wird, und daß es eines der
traurigen Zeichen des allgemeinen Niederganges ist, wenn Kindersegen als ein
Unglück betrachtet werden muß, und wenn sowohl wirtschaftliche wie gesundheitliche
Verhältnisse eine Beschränkung der Kindererzeugung dringend fordern.
Das wollen wir also niemals vergessen! Darum werden sittliche und ästhetische
Menschen im Geschlechtsverkehr mit Schutzmitteln auch niemals eine gute
Gelegenheit zur Zügellosigkeit und Unmäßigkeit erblicken, sondern eine maßvolle
Lebensweise und seltenen Genuß beibehalten. Trotzdem wollen wir
nicht bestreiten, daß durch die Gefahrlosigkeit der Benützung von Schutzmitteln
hinsichtlich der Kindererzeugung, die entschieden als Hemmschuh und
Regulator im freien Verkehr der Geschlechter wirkt, scheinbar einer gewissen
Zügellosigkeit Vorschub geleistet wird, die ihre großen Gefahren hat. Eine
andere Gefahr liegt noch in der Unvollkommenheit dieser Schutzmittel, ferner
auch in ihrer Gesundheitsschädlichkeit, die unter Umständen gar nicht unbedeutend
wird. Es ist also auch da manches zu erwägen und zu beachten,
und es sind diejenigen keineswegs zu beneiden, die gezwungen sind, nach
solchen Schutzmitteln zu greifen. Mehr oder minder verletzen sie alle unsere
dsthetischen Gefühle, stören die glückliche Unbefangenheit und vermindern die
der Gesundheit so notwendige Befriedigung. Deshalb sind sie vielen Menschen
nicht nur sehr widerwärtig, sondern auch keineswegs zur Unmäßigkeit
aus diesem Grunde verleitend. Sie sind also nur ein unangenehmer
Notbehelf, ein Zugeständnis unserer traurigen sozialen Zustände, ein Rettungsmittel
vor Krankheit und wirtschaftlicher Not — im übrigen eine beklagenswerte,
häßliche Notwendigkeit!
Daß zu allen Zeiten und bei allen Völkern verschiedene Schutzverfahren
üblich waren, lehren uns kulturhistorische Werke. Sie beweisen, daß der Wille,
die Folgen des geschlechtlichen Aktes zu verhüten, in der einen oder anderen
Weise zutage trat, und daß der erfinderische menschliche Geist auch stets Mittel
dazu fand. Als Einzelerscheinung neben der Entfaltung gesunder Lebensgewohnheiten
konnte die künstliche Schwangerschaftsverhütung da und dort unbeschadet
bestehen; bei Kulturvölkern, welche blühten, trat sie nie alles beherrschend auf.
Für uns ist es beruhigend und entlastend zu hören, daß die Schwangerschaftsverhütung
keine Erfindung unserer krankhaften Zeit ist, sondern zu