Full text : Regierungsblatt für das Königreich Württemberg vom Jahr 1900. (77)

Der  russische  Angriff  1916.  95

geführt  werden  mußte,  als  ursprünglich  geplant,  ist  natürlich.  Aber
auch  so  war  er  noch  außerordentlich  stark.  Seine  Abwehr  erforderte
die  äußerste  Kraftanspannung  der  Armeen  des  Westens.  Sie  zehrte
an  der  Menschenkraft,  den  Munitions-  und  Gerätebeständen  in
stärkster  Weise.  Die  Anspannung  war  um  so  größer,  als  die
O.  H.  L.  sich  genötigt  gesehen  hatte,  zahlreiche  Divisionen  von  der
Westfront  nach  dem  Osten  zu  fahren,  wo  der  neu  erstarkte  Russe
an  zwei  Stellen  eingebrochen  war.

Der  österreichisch-ungarische  Angriff  aus  Tirol  nach  Venetien,
durchaus  im  Sinne  des  Grafen  v.  Schlieffen  gedacht,  war  in  der
Durchführung  verfehlt.  Die  angesetzten  Kräfte  waren  trotz  der
Schwachung  der  Ostfront  zu  schwach  geblieben,  um  ein  großes  Ziel
zu  erreichen.

Das  wäre  auch  der  Fall  gewesen,  wenn  der  Angriff  auf
Verdun  Anfang  März  eingestellt  worden  wäre,  und  deutsche  Divisionen
  nach  genügender  Sicherung  der  Ostfront  in  Tirol  Verwendung
  gefunden  hätten.  Der  Angriff  der  k.  u.  k.  Armee  war  gescheirert,
  noch  bevor  der  Einbruch  der  Russen  an  der  Ostfront
erfolgt  war.  Auch  österreichisch-ungarische  Divisionen  mußten  jetzt
aus  der  italienischen  Front  dorthin  geschoben  werden.

Es  zeigle  sich  deutlich,  daß  die  Operationen  gegen  Rußland  im
Jahre  1915  ihr  Ziel  nicht  erreicht  hatten.  Seine  Angriffskraft  war
nicht  dauernd  gelähmt.  Seine  Heere  konnten  uns  so  lange  schlagen,
als  sie  nicht  vernichtend  getroffen  waren.  In  dem  Verkennen  dieses
Gedankens  liegt  der  tiefere  Grund  für  den  zutage  tretenden  Mißerfolg
  der  Kriegführung  der  Zweiten  O.  H.  L.  im  Jahre  1916.

Hierzu  tritt  als  weitere  Ursache  der  Umstand,  daß  bei  Verdun
nicht  ein  voller  taktischer  Sieg,  sondern  ein  Verbluten  des  Feindes,
und  daß  an  der  italienischen  Front  eine  Feldzugsentscheidung  mit
ungenügenden  Mitteln  erstrebt  wurde.

Es  läßt  sich  nalurgemäß  nicht  sagen,  wie  sich  der  Krieg  gestaltet
haben  würde,  wenn  der  Vierbund  im  Frühjahr  1916  Rumänien  zit
einer  klaren  Stellungnahme  gezwungen  und  darauf  die  Kriegsentscheidung
  durch  Fortsetzung  des  Angriffs  gegen  Rußland  gesucht
hätte.  Dazu  fehlen  einwandfreie  und  bestimmte  Anhaltspunkte.