Full text : Schwerin und Bleichröder.

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halten  können.  ,‚,Wes  das  Herz  voll  ist,  des  gehet  der  Mund
über.“  In  seiner  religiösen  Extase  hatte  der  Jubelgreis  alle
politische  Besonnenheit  hintangesetzt.  Er  scheint  nicht  anders
erwartet  zu  haben,  als  daß  angesichts  dieser  Traumdeutung  des
Daniel,  einer  solchen  ‚Offenbarung  Gottes“,  Kaiser  Wilhelm
gleich  König  Nebukadnezar  auf  sein  Angesicht  niederfallen,  vor
dem  neuen  Daniel  ‚anbeten‘  und  befehlen  werde,  ihm  ‚‚Speisopfer
  und  Rauchopfer‘“  zu  tun.

Aber  auch  wenn  es  anders  kam:  der  päpstliche  Wutausbruch
  nur  Öl  ins  Feuer  goß  und  die  unausgleichbaren  Gegensätze
erst  recht  aufeinanderplatzen  machte,  hatten  die  Klugen  im
Vatikan  schwerlich  eine  Fehlrechnung  getan.  Es  war  nur  zu
wahr:  die  ‚„Verfolgung‘‘  der  Kirche  konnte,  indem  sie  den
Fanatismus  der  Gläubigen  entfachte,  derselben  mehr  als  alles
andere  zugute  kommen.  Eben  deswegen  war  bei  jedem,  auch
dem  geringfügigsten  Anlaß  von  ‚Verfolgung‘  die  Rede,  diesmal
gleich  von  einer  ‚diokletianischen‘“.

Immerhin  schien  Seine  Heiligkeit  die  Kriegsregister  allzu
stark  angezogen  zu  haben.  Selbst  die  verlässigsten  Römisch-Katholischen
  deutscher  Nationalität  drohten  in  ihrer  vaterländischen
  Empfindung  zu  schwer  verletzt  zu  werden.  Triumphiert
Paul  Majunke  nachträglich,  in  seiner  Geschichte  des  Kulturkampfes
  (1886):  ‚‚Hier  ist  jeder  Satz  eine  Pyramide,  jedes  Wort
ein  Keulenschlag  für  die  deutsche  Reichsregierung‘‘  —  so  ist
selbst  sein  Zeitungsorgan,  die  „Germania“,  1872  darauf  bedacht
gewesen,  die  Worte  Seiner  Heiligkeit  möglichst  —abzuschwächen.
Mit  dem  Koloß  auf  tönernen  Füßen  sei  nicht  das  Deutsche  Reich
gemeint  gewesen,  sondern  nur  der  zur  Herrschaft  gekommene
kirchenstürmische  Liberalismus!  Um  dieser  Deutung  die
Wege  offen  zu  lassen,  hat  Majunke  noch  in  seinem  Geschichtsbuch,
  beiWiedergabe  der  Urkunde,  den  dem  ‚‚losgelösten  Steinchen‘
voraufgehenden  Satz,  vom  ‚Glanze  jenes  Triumphes‘“‘,  den  die
Verfolgung  der  Kirche  in  Frage  stellen  soll  —fortgelassen!

Auch  Bischof  Heinrich  Brück  vermeidet  es,  in  seiner
„Geschichte  der  katholischen  Kirche  im  19.  Jahrhundert“,  die
Ansprache  Pio’s  im  vollen  Wortlaut  zu  geben.  Dessen  Ansprache
besage  nur  im  allgemeinen,  daß  Gott  die  Verfolger  der  Kirche
zuschanden  mache.  Dies  drohe  jedem  Reiche,  das  sich  wider
die  Kirche  erhebe..  An  das  Deutsche  Reich  habe  Seine
Heiligkeit  unmöglich  denken  können;  habe  er  doch  die  Er-