Full text : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Verschärfung  des  Konflikts  durch  die  polnische  Frage  203

Hilfe  zu  leisten  und  nötigenfalls  auch  die  Grenze  zu  überschreiten
zur  Verfolgung  der  Rebellen,  die  aus  dem  einen  Lande  in  das
andere  flüchteten.  Bismarck  war  der  Ansicht,  daß  es  sich  nicht
nur  um  das  Interesse  der  Ostprovinzen,  sondern  auch  um  die
weitergreifende  Frage  handelte,  ob  im  russischen  Kabinett  —  und
das  kannte  er  —  eine  polenfreundliche  oder  eine  antipolnische
Richtung,  ein  Streben  nach  panslavistischer  antideutscher  Verbrüderung
  zwischen  Russen  und  Polen  oder  eine  gegenseitige
Anlehnung  der  russischen  und  der  preußischen  Politik  herrschte.

Für  Preußens  deutsche  Zukunft  war  die  Haltung  Rußlands
eine  Frage  von  hoher  Bedeutung.  Eine  polenfreundliche  Richtung
der  russischen  Politik  mußte  die  seit  dem  Pariser  Frieden  (1856)
und  schon  in  den  zwanziger  Jahren  angestrebte  russisch-französische
Fühlung  beleben;  ein  solches  Bündnis  hätte  Preußen  in  die
schwierigste  Lage  gebracht.  Dieses  hatte  ein  Interesse  daran,
die  im  russischen  Kabinett  tatsächlich  vorhandenen  polnischen
Sympathien  zu  bekämpfen.  Polens  Feindschaft  war  damit  unwirksam
  gemacht,  Rußlands  Freundschaft  für  eine  Zukunft,
in  welcher  Preußen  der  Rückendeckung  bedurfte,  gesichert.  Die
Konvention  war  ein  gelungener  Schachzug,  der  die  Partie
entschied,  die  innerhalb  des  russischen  Kabinetts  der  antipolnischmonarchische
  und  der  polonisierende  panflavistische  Einfluß
gegeneinander  spielten.

Die  Liberalen  stimmten  mit  Bismarck  auch  in  dieser  Frage
nicht  überein.  Ein  Sturm  der  Entrüstung  brach  los.  Für  die
Polen  zu  schwärmen  war  in  jenen  und  in  den  fünfziger  und
vierziger  Jahren  des  deutschen  Philisters  Lust  gewesen.  Wer  in
jene  Zeiten  zurückdenken  kann,  wird  sich  erinnern,  daß  selbst
des  väterlichen  Hauses  Köchin  bei  ihrer  Tätigkeit  Holteis  Lied
Der  alte  Feldherr:  „Denkst  du  daran,  mein  tapferer  Lagienka“,
zu  singen  pflegte.  Die  früheren  Zeiten  hatte  man  damals  vergessen,
  da  auf  den  durch  deutsche  Kultur  zu  Zivilisation  und
Wohlstand  gebrachten  Ostmarken  die  polnische  Herrschaft  mit
schwerem  Drucke  lastete,  und  da  ein  brandenburgischer  Kurfürst
in  jenen  Gebieten  das  deutsche  Schwert  wieder  zu  Ehren  und
Geltung  brachte.  Unpolitische  Gefühlsseligkeit  bewegte  die