Ernährung. 49
abends wieder Fleisch und Brot, Käse oder Fisch. Ihr Magen war schwach
von jeher; dem Darm mußte mittelst Rhabarber oder Klystieren oft nachgeholfen
werden, weil er, immer überfüllt und infolge der Blutarmut un—
genügend durchblutet, zu träge war, um seine Arbeit regelmäßig leisten zu
können; der an und für sich wenig widerstandssähige Organismus verbrauchte
den größten Teil seiner Kräfte, um die ausgenommenen Nahrungsmengen zu
bewältigen, und die übermäßig eiweißreiche Kost hatte für Nieren und Nerven
noch besondere Folgen. Dabei hatte diese Frau niemals natürlichen Hunger.
Aus Prinzip und „zur Kräftigung“ goß sie morgens das Ei hinunter und
ließ den Kakao folgen, und „Appetit“ hatte sie meist doch nur auf pikante
Braten. Wenn der gequälte Magen ihr einmal versagte, war sie unglücklich
und in tausend Angsten über die Gefährlichkeit ihres Zustandes.
Wie viel selbstbereitete Qual und Not!
Natürlicher Hunger muß also verloren gehen, wenn der Verdaunungsschlauch
beständig angefüllt ist, wenn der Sästestrom gewisse Stoffwechselprodukte
gar nicht los wird. Nur wirklicher Hunger aber berechtigt uns zur
Nahrungsaufnahme, nur die fühlbare Tatsache, daß unser Körper Zufuhr von
Bau= und Heizmaterial benötigt, soll uns zum Essen bewegen, nicht Gewohnheit,
nicht Gaumenreize und Gelüste. . Ein ganzes Heer von Krankheiten würde
verschwinden, wenn man alle „gutessenden“ Menschen von der Wahrheit dieser
Worte überzeugen könnte; denn wie sehr unsere Nahrung Ursache und Quelle
von Krankheit ist, ahnen die wenigsten. Ganz ähnlich verhält es sich mit
dem Durst. Auch er tritt in seiner elementaren Form, deren Befriedigung
so köstlich ist, wie z. B. nach einer mehrstündigen Bergtour im heißen Sommer—
wetter, im gewöhnlichen Leben der Wohlhabenden nur selten auf.
Man hat Magen und Gewebe so sehr daran gewöhnt, unverlangte
Flüssigkeitsmengen aufzunehmen, daß sie selten Gelegenheit finden, wirklichen
Durst zustande zu bringen. Beweis: morgens Kaffee mit Milch, mittags
dünne Fleischbrühe, allerlei Saneen an Gemüsen und Braten, die mindestens
70% Wasser enthalten, Wein; nachmittags abermals Kaffee, abends Bier
oder Tee, oder auch beides, wenn man gerade auswärts ist und der Abend
sehr lange dauert. Dabei keinerlei Muskelanstrengung oder neunenswerte
Hauttranspiration. Rechnet man noch den natiürlichen Wassergehalt der
Speisen, namentlich des Obstes und der Gemüse, hinzu, so wird man begreifen,
daß zuerst Magen und Darm große Mengen Flüssigkeit aufzusaugen
haben, dann aber Herz und Nieren mit den in die Blutbahn gelangten
Flüssigkeiten unverhältnismäßig viel zu tun bekommen. Es gibt daher viele
Menschen, welche niemals Wasser trinken, was sehr begreiflich ist; denn sie
führen ja in Form von Suppen, Tee, Bier usw. schon weit mehr Wasser
dem Organismus zu, als sie benötigen. Und doch ist der genußzvollste Trank
reines, frisches Quellwasser, und er sollte durch Kunstgetränke niemals
verdrängt werden.
Die Frau als Hausärziln. 4+