Der Geschichtsunterricht seit 1880. 669
preußischen Staates eine eingehende Behandlung erfährt. Der letzte drei- bis vierjährige
universalgeschichtliche Kursus ‘muß der Geschichte als Wissenschaft, die ihren Zweck
in ihrem eignen Werte hat, schon mehr Recht angedeihen lassen, und da dieser wissenschaftliche
Wert kein anderer ist, als daß das Leben der Menschheit in seinem allmählichen
Werden und die Offenbarung des höheren Planes der Vorsehung in demselben gezeigt werde,
so kann sich auch die Schule der Pflicht nicht entschlagen, den Geist, der in der Entwicklung
der Menschheit hervortritt, auch dem Geiste des Jünglings erkennbar zu machen’.
Hier ist dann auch der Platz für die Betrachtung des Kulturgeschichtlichen und die unerläßliche
pragmatische Behandlung der Geschehnisse. Von der Herabführung des Unterrichts
bis auf die Gegenwart, wie er es früher verlangt, verlautet, wie in Anbetracht der politischen
Zeitlage begreiflich, in der Instruktion nichts; jedenfalls war aber der Wiener Kongreß
nach Kohlrauschs Ansicht als frühester Endpunkt aufzufassen.
Der Geschichtsunterricht seit 1830. Daß die westfälische Instruktion den Unterricht
nicht auf einmal umwandelte und trotz hoher Anerkennung mannigfachen Widerspruch
hervorrief, war allzu natürlich. Schon bei Gelegenheit des Lorinserschen Streites (1887) sprach
sich Bernhard Thiersch dahin aus, daß die unteren Klassen für den von Kohlrausch
vorgesehenen geschichtlichen Unterricht noch gar nicht reif seien, daß man dasselbe Ziel
auch ohne den Unterkursus erreichen könne, und empfahl die Behandlung des Stoffes in
zwei Stufen, von Quinta bis Tertia vom biographischen, auf Sekunda und Prima vom ethnographischen
Standpunkte.) Löbell bemerkt, daß... “bei einem guten Teile der Schüler
ein Mißverhältnis zwischen dem Gelehrten und Erlernten stattfindet, welches sich durch die
Verschiedenheit dar Gaben und des Fleißes keineswegs genügend erklärt’. Ähnlich äußert
sich Peter (1849); Weber (1850) beklagt den Mangel eines gründlichen und anregenden
Geschichtsunterrichts; das Fach werde an vielen Anstalten [als verwaistes Stiefkind betrachtet,
und noch 19 Jahre später nannte Herbst die Geschichte das “Sorgenkind unserer
Didaktik’.
Von den zahlreichen Schriften, die seit der westfälischen Instruktion über den Geschichteunterricht
erschienen sind, können wir nur wenige hervorheben. Löbell in seinen Grundzügen
einer Methodik findet, “daß die Anweisungen für den Unterricht hauptsächlich von
der Wirkung ausgehen, welche er auf das Gemüt und die Gesinnung der Jugend ausübe’,
Das sei aber ein Gesichtspunkt, der außerhalb des Faches liege, und daher müsse man untersuchen,
ob nicht aus dem Wesen des Gegenstandes selbst sich seine Methodik ergebe. Er
unterscheidet bei der Geschichte als gelehrter Kunde der Vergangenheit drei Betrachtungs- und
Behandlungsweisen. In formaler Hinsicht werden die Tatsachen auf Grund einer herkömmlichen
Überlieferung als wahr angenommen oder erst nach kritischer Behandlung der Quellen
wiedergegeben; in Rücksicht auf den Inhalt wird die Darstellung beschränkt auf die das
Staatsleben beeinflussenden öffentlichen mehr ins Auge fallenden Ereignisse, oder es werden
auch die geräuschlosen inneren staatlichen Begebenheiten und das gesamte Volksleben, das
Kulturgeschichtliche, berücksichtigt und geschildert; drittens in Rücksicht auf die Auffassung
werden die Tatsachen ganz objektiv dargestellt, oder eg bemächtigt sich ihrer der
Gedanke: das ist der reflektierende, der pragmatische und der philosophische Standpunkt.
In jeder dieser drei Betrachtungsweisen bildet die erste Unterabteilung die Vorstufe zu der
höber stehenden zweiten, die ein gereiftes Fassungsvermögen voraussetzt. Auf der Schule
kann im wesentlichen nur die erste der beiden Unterabteilungen zur Geltung kommen. Für
kritische Betrachtung hat die Jugend noch kein Interesse, vollends aber lassen sich keine
Anweisungen geben für die Behandlung vom reflektierenden und philosophierenden Standpunkt,
wenn auch gewisse Grundideen — Religion und Vaterland — durch den Unterricht
hindurchtönen, dagegen ist der höheren Stufe weder die Ergänzung durch Darstellung der
inneren staatlichen Verhältnisse und des Kulturgeschichtlichen, noch eine gesunde prag-')
Bernhard Thiersch, Die Organisation der Gymnasien nach Lorinsers Ansichten.
Dortmund 1839. 8. 52 ff.