Metadata : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Karstedt:  Die  kolonialen  Kriegsschauplätze

einem  geringen  Teil  unter  Verwaltung  und  damit
unter  dem  Einfluß  europäischer  Kultur  steht.  Die
der  Verwaltung  in  Rabaul  auf  Neupommern  unterstehenden
  Inselgruppen  sind  von  der  Zentrale  zum
großen  Teil  so  weit  entfernt,  wie  etwa  Memel  von
Gibraltar.  Für  geregelte  häufigere  Verbindungen
bestand  in  diesem  Inselgewirr  noch  kein  Bedürfnis.
So  war  eine  Verteidigungs=  oder  auch  nur  Abwehrmöglichkeit
  nicht  gegeben,  um  so  weniger,  als  kampffähige
  Kriegsfahrzeuge  nicht  vorhanden  waren.  Als
Polizeitruppe  sind  über  das  ganze  Inselgebiet  900
eingeborene  Polizisten  unter  der  Führung  weniger
Weißer  zerstreut.  Nur  in  und  bei  Rabaul  2  er
stellvertretende  Gouverneur  mit  Hilfe  der  ihm  zur
Verfügung  stehenden  Polizisten  und  eingezogener
weißer  Reservisten  Widerstand  gegen  die  überlegene
australische  Invasionstruppe  geleistet,  ein  Versuch,  der
ebenso  Fenant  ist,  wie  er  von  Anfang  an  zur  Aussichtslosigkeit
  verurteilt  war.  Das  Inselgebiet  fiel
Japanern  und  Australiern  mit  der  Gefangennahme
der  Beamten,  die  dem  Angriff  gegenüber  gänzlich
machtlos  waren,  als  wehrlose  und  leichte  Beute  ohne
Schwertstreich  in  die  Hände.  —  Samoa,  wo  nicht
die  geringsten  Machtmittel  zur  Verfügung  standen,  ist
den  Australiern  ohne  jeden  Widerstand  zugefallen.
Kiautschou  nahm  seit  seiner  Inbesitznahme  insofern
  eine  besondere  Stellung  unter  allen  Kolonien
und  Schutzgebieten  ein,  als  es  bewußt  in  erster  Linie
als  militärischer  und  politischer  Stützpunkt  in  Ostasien
dienen,  nicht  aber  Wirtschaftskolonie  wie  die  übrigen
Schutzgebiete  sein  sollte.  Dazu  war  es  mit  seinen
552  qkun,  von  allem  anderen  abgesehen,  viel  zu  klein.
Dagegen  hatte  es  eine  große  Bedeutung  als  Eingangspforte
  für  das  reiche  channg  und  als  Ausgangspunkt
  der  dieses  erschließenden  deutschen  Schantungbahn.
  Der  Schiffsverkehr  in  Tsingtau,  der  an
50000  Einwohner  zählenden  Pachtkolonie,  belief  sich
in  den  letzten  Jahren  auf  über  1  Million  Nettoregistertonnen
  (1912:  1,201  Million)  und  stand  damit
etwa  auf  der  Höhe  des  Seeverkehrs  von  Emden.  Sein
Außenhandel  belief  sich  zuletzt  auf  152  Millionen
Mark.  Wichtiger  aber  war  vielleicht  noch  die  kulturpvolitische
  Bedeutung  Tsingtaus  in  Hinsicht  auf  die
Gewinnung  des  Chinesentums  für  Deutschland.  Im
Mittelpunkt  dieser  Bestrebungen  stand  die  Deutsch-Chinesische
  Hochschule,  die  zuletzt  an  400  Schüller
zählte  und  im  Begriff  war,  sich  zu  einer  modernen
deutsch-chinesischen  Universität  zu  entwickeln.  Die
Kulturerfolge,  die  das  unter  Leitung  des  Reichsmarineamts
  stehende  Kiautschou  mit  seiner  in  jeder
Beziehung  modernen  Verwaltung  bereits  erzielte,  und
die  mittelbaren  und  unmittelbaren  Wirkungen,  die
diese  Musterkolonie  zum  Vorteil  für  das  Deutschtum
auf  das  chinesische  Riesenreich  bereits  ausgeübt  hatte,
ließen  das  Größte  für  die  Zukunft  Deutschlands  in  Ostasien
  erwarten.  Weltpolitisch  aber  hatte  es  seine  größte
Bedeutung  als  Stützpunkt  und  Basis  für  die  überseeischen
  Machtmittel  des  Reiches.  An  einer  Stelle
gelegen.  die  einen  beguemen  Zugang  zu  derchinesischen
Ebene  bietet,  um  eine  Bucht  gelagert,  die  dem  Weltverkehr
  günstig  liegt  und  im  Gegensatz  zu  Tientsin
nicht  durch  Zufrieren  für  Monate  unbenutzbar  wird,
war  es  in  kurzer  Zeit  zu  einem  wertvollen  Marineplatz
  ausgebaut  worden,  dessen  Bedeutung  um  so
höher  einzuschätzen  war,  als  es  gegen  die  Landseite  im
Osten  und  Nordosten  durch  ein  bis  zu  1130  m  ansteigendes
  Gebirge  (Lauschan)  geschützt  ist.  Deutschland
  hatte  keine  Ausgaben  gescheut,  um  es  für  Er-149



füllung  seiner  politischen  und  militärischen  Aufgaben
auszustatten  (Etat  1914:  18,4  Millionen  bei  einem
Gesamtetat  für  die  Schutzgebiete  einschließlich  der
Schutzgebietsschuld  von  120.7  Millionen).

Die  sääniig  wachsende  verkehrspolitische,  wirtschaft.
liche  und  militärische  Bedeutung  Küautschous,  die
riesigen  hier  geleisteten  Kulturarbeiten  und  die  Anziehungskraft,
  die  in  diesen  Tatsachen  für  das  Unternehmertum
  lag,  haben  aus  dem  kleinen,  bei  der  Besetzung
  durch  Deutschland  1897  vorhanden  gewesenen
Ort  Tsingtau  eine  moderne  deutsche  Stadt  werden
lassen,  die  bei  Kriegsausbruch  außer  den  Heeresangehörigen
  und  Chinesen  etwa  2100  Europäer  insich
schloß.  Eine  vernünftige  Bodenpolitik  hatte  hier  die
so  häufig  in  Neuländern  unvermeidbar  erscheinende
Spekulation  ausgeschaltet,  und  der  Ort  war  im  Begriff,
  sich  in  Anlehmung  an  die  staatlichen  Werft=  und
anderen  Betriebe  zu  einem  ostasiatischen  Industriemittelpunkt
  auszuwachsen,  für  das  die  Kohlengruben
Schantungs  eine  gute  Grundlage  abgeben  konnten.
Die  ruhigen  und  gesicherten  Verhälimise  hatten  auch
den  Chinesen  Zutrauen  eingeflößt,  so  daß  die  Kolonie

ur  Zeit  der  chinesischen  Revolution  ein  sicherer  Zu-Aiuchkrort
  geworden  war.  Durch  planmäßige  Aufforstung
  waren  die  unter  der  Chinesenzeit  verwüsteten
Wälder  ihrer  großen  klimatischen  und  wirtschaftlichen
Bedeutung  zurückgegeben  worden,  und  als  Badeort
hatte  Tsingtau  eine  bedeutsame  Rolle  für  die  ganze
ostasiatische  Küste  erlangt.

Da  brach  der  Krieg  aus!  Hätte  er  sich  auf  die
europäischen  Nationen  beschränkt,  so  hätte  das  stark
gesicherte  Kiautschou  als  Flotten-  und  Nachrichienasis

  eine  wenn  auch  nicht  entscheidende,  so  doch
wesentlich  mitbestimmende  Rolle  gespielt.  Auf  2400
Mann  belief  sich  seine  Friedensbesatzung,  die  mit  der
Mobilmachung  um  einige  Tausend  Wehrpflichtige
und  Freiwillige  aus  dem  Schutzgebiet,  aus  China
und  dem  weiteren  Ostasien  verstärkt  wurde.  Als  sich
aber  Japan  den  europäischen  Gegnern  Deutschlands
zugesellte  und  unter  dem  Schutz  seiner  nahen  Operationsbasis
  die  Feindseligkeiten  mit  Verletzung  der
Neutralität  Chinas  auch  von  der  verwundbaren  Landseite
  her  gegen  die  Kolonie  unternahm,  da  war  ihr
Schicksal  entschieden.  Nach  tapferster  Gegenwehr  erlag
  sie  am  7.  November  1914  derjapanisch-englischen
Übermacht,  von  der  Pflichttreue  ihrer  Besatzung  bis
zum  letzten  gehalten!

Der  bisherige  Verlauf  des  Kolonialkrieges  hat  es
schlagend  bewiesen,  daß  kleine  tropische  Kolonien  einem
Gegner,  der  das  Meer  beherrscht  und  damit  die  Verbindungen
  zwischen  ihnen  und  dem  Mutterland  stören
und  unterbinden  kann,  mehr  oder  weniger  leicht  zur
Beute  werden  müssen,  selbst  wenn  ihr  wirtschaftlicher
Zustand  so  gefestigt  ist,  daß  sie,  wie  Togo,  imstande
wären,  ihre  Bevölkerung  unabhängig  von  der  gewohnten
  Nahrungsmittelzufuhr  auf  lange  Zeit  aus
eigener  Kraft  erhalten  zu  können.  Große  Kolonien,
wie  7  B.  Ostafrika,  waren,  da  ein  beträchtlicher  Teil
der  Eingeborenen  für  die  Nahrungsmittelerzeugung
wegen  der  Produktion  für  die  Ausfuhr  bestimmter
Industrierohstoffe  ausfiel,  gezwungen,  selbst  für  die
Eingeborenen  noch  große  Mengen  von  Nahrungsmitteln
  einzuführen  (Ostafrika  zuletzt  z.  B.  für  3,5
Millionen  Mark  Reis),  aber  die  wirtschaftliche  Umgruppierung
  ist  da,  wo  die  Verwaltung  Einfluß  auf
die  Bevölkerung  hat,  so  leicht,  daß  die  Abschneidung
der  Zufuhr  auf  die  Verteidigungsmöglichkeit  ohne
Einfluß  ist.