Rede, geh. bei der Gedächtnisfeier der Kgl. Friedr. Wilh.-Universität zu Verlin. 117
den Ernst seiner Gegner bespötteln und die Macht der Ideen bestreiten,
deren Energie und Bedeutung an seinem Werke selbst sichtbar genug
geworden ist. In der Täuschung über die realen Machtverhältnisse und
in den Hintergedanken des Königs an Beifall und Popularität bei verwandten
Fürstenhäufern, bei Parlamenten, Historikern und in der Tagespreffe
will Bismarck die Fehler der preußischen Politik im Jahre 1848
erblicken; und er möchte glauben, daß ohne sie und mit festerer militärischer
Führung im März ein günstigerer Erfolg möglich gewesen wäre. Und
nichts kann richtiger sein, als daß Hof und Regierung in Preußen unter
dem Druck der Ideen handelten, welche die obersten Zehntausend der
gebildeten Welt erfüllten. Wann hätte es je eine Revolution gegeben,
in der nicht von diesen Schichten her Antrieb, Kraft und Richtung der
Bewegung ausgegangen wären! Empörungen der großen Masse, der
schwerfällig blinden Menge, die nichts als materielle Kräfte für sich
hatte, haben allezeit nur kurze Dauer und ein klägliches Schicksal gehabt.
Das mußten die armen deutschen Bauern erfahren, als fie, von ideenarmen
Agitatoren verhetzt, sich in anarchischem Aufruhr blindwütend gegen ihre
Pfaffen und Herren erhoben: wenige Tausend Soldknechte genügten, um
ihre zuchtlosen Scharen auseinander zu jagen; zu Tausenden erlagen sie
dem rächenden Schwert oder den Beilen ihrer fürstlichen Henker — und
unaufgehalten, immer tiesere Kreife ergreisfend, Staaten und Völker in
seinen Strudel reißend, weltverwandelnd schritt über die Erschlagenen
hinweg der Kampf der Ideen, der sich in der Weltverlorenheit eines
sächsischen Klosters, in den seelischen Tiefen eines armen Mönchleins
entzündet hatte. Nur diejenigen Revolutionen haben je und je gefiegt,
in denen Ideen lebten, welche stärker waren an ethischer Kraft als die
Gedanken, auf denen die alten Ordnungen ruhten. Darum sind es
stets noch die geistigen Führer der Völker gewesen, mögen fie stammen,
woher sie wollen, in deren Händen und Herzen das Schicksal ihrer
Nation geruht hat. Wenn sich in ihrem Kreise das Irren und
Schwanken Über das Recht und die Kraft der überlieferten Gedanken
regt, dann drohen dem Bestehenden die Gefahren, wenn ihre Herzen von
den neuen Zielen des allgemeinen Lebens unterjocht werden, dann beginnt
der Zeiten Erfüllung.
Das aber war die Lage in Deutschland vor fünfzig Jahren. Die
Vis major war bereits da, obwohl sie weder die Bajonette hinter sich hatte
noch die materiellen Kräfte der Masse. Die neuen Ideen, liberal oft nur
der Form nach und erfüllt von den tiefsten, doch kaum erschlossenen
Gegensätzen, hatten sich aus den alten, fesselnden Schranken gelöst und
durchdrangen den Körper der Nation. Die Monarchie Friedrichs des