thumbs : Zwang und Freiheit in der Jugendpflege.

Zwang,  Freiwilligkeit  und  Selbstbestimmung  als  Erziehungsmächte.  23

Die  andere  Wirkung  des  Zwanges  auf  das  jugendliche  Selbständigkeitsstreben
  ist,  wie  mir  scheint,  noch  viel  gefährlicher:  der
Wille,  der  im  Ingendlichen  vorhanden  ist,  paßt  sich  dem  Zwange
nicht  an,  der  Jugendliche  läßt  sich  nicht  auf  das  Niveau  der  subalternen
  Tugenden  herabdrücken,  von  denen  Friedrich  Paulsen
gemeint  hat,  sie  seien  besonders  durch  das  deutsche  Schulwesen  bis  in
die  neunziger  Jahre  des  vergangenen  Jahrhunderts  hinein  großgezüchtet
  worden,  der  Jugendliche  läßt  sich  nicht  entwurzeln  und
an  seinem  eigenen  Selbst  und  Streben  irre  machen.  Dann  bleibt,
soviel  ich  sehe,  nur  ein  Doppeltes  übrig,  entweder  die  Heuchelei  und
der  Geist  der  heimlichen  Rebellion  oder  die  offene  Widersetzlichkeit.
Wir  können  uns  in  der  Tat  darüber  nicht  täuschen,  daß  sehr  vieles
von  unserer  Erziehungsarbeit  Schläge  ins  Wasser  sind,  weil  wir
das  Vertrauen  der  Jugendlichen  nicht  haben.  Wir  sind  nicht  im
Besitze  ihrer  Herzen,  haben  nicht  den  Zugang  zu  ihnen  gefunden,
sie  fügen  sich  äußerlich,  soweit  die  Zwangsgewalt  entweder  der
patria  potestas  oder  eines  Lehrers  oder  eines  Lehrherrn  reicht,
innerlich  aber  sind  sie  als  „nur  Gezwungene“  nicht  überzeugt,  nicht
geführt,  nicht  umgestimmt  und  bekehrt,  eben  deshalb  auch  nicht  eigentlich
erziehbar.  Nehmen  Sie  es  mir  nicht  übel,  wenn  ich  sage,  ich  finde
das  gar  nicht  schade.  Das  klingt  sehr  anstößig,  und  ich  möchte
trotzdem  rechtfertigen,  weshalb  ich  zu  dem  Urteile  komme,  daß  ich
das  nicht  schade  finde.  Von  einer  Jugend,  die  in  allen  ihren
Schichten  völlig  der  Erziehung  nachgegeben  hätte,  würde  ich  die  Befürchtung
  hegen,  daß  sie  günstigenfalls  genau  das  Duplikat  der
alteren  Generation  wird,  während  ich  von  einer  Jugend,  die  sichauch  gegen
uns  Erwachsene  sperrt,  die  die  Dinge  noch  anders  anschauen  will,
als  wir  sie  ihr  zeigen,  die  Hoffnung  habe,  daß  sie  vielleicht  später
einmal,  wenn  sie  über  die  Krisenstimmung  hinausgewachsen  ist,
dankbar  dafür  sein  wird,  daß  man  doch  auf  sie  einen  Druck  ausgeübt
hat  und  daß  sie  nun  heraus  aus  diesem  eigenen  Sein,  das  sich  zeitweise
  in  die  Rebellion  flüchten  mußte,  zu  einer  positiven,  schöpferischen,
  fortführenden  Arbeit  fähig  blieb.

Freilich,  in  einem  anderen  Sinne  finde  ich  es  sehr  schade,  daß
unsere  Erziehung  sehr  häufig  an  dem  Geiste  der  inneren  Rebellion,
an  dem  heimlichen  Aufruhre  scheitert:  die  Jugend  entgleitet  uns
dadurch.  Wir  bilden  uns  ein,  sie  noch  zu  führen,  wir  tun  so,  als
ob  wir  sie  noch  führten,  die  Jugend  lernt  auch  noch  vielerlei  von
uns,  insbesondere  lernt  sie  von  uns,  was  sie  für  ihren  Beruf,  was
sie  intellektuell  braucht,  sie  lernt  von  uns  die  Grundsätze  der
äußeren  Lebensführung  —  auch  da  nicht  immer  die  guten  —,
aber  innerlich,  in  der  Formung  ihres  Charakters,  in  der
Auswahl  der  Werte,  für  die  sich  die  Jugend  einsetzt,  ist  sie  unserer
Beeinflussung  entglitten,  und  zwar  lediglich  deshalb  entglitten,  weil
wir  unsere  Autorität  falsch  geführt  haben.

Jch  habe  Ihnen  kurz  geschildert,  wie  wir  uns  den
Zwang  organisatorisch  denken  können.  Ich  habe  darauf  hingewiesen,
  welchen  Geist,  welche  Stimmung  er  ausübt,  welche
Lebensatmosphäre  er  schafft,  entweder  die  Atmosphäre  des  nach