Full text : Königlich Württembergisches Staats- und Regierungs-Blatt vom Jahr 1821. (16)

264

168.  Ewald  Christian  von  Kleist,
geb.  bei  Köslin  1715.

Jeder  rohe  Laut  der  Wildniß  schweige,
Diese  Stell'  ist  heilig,  hier  siel  Kleist.
Tiedge.

In  der  Schlacht  bei  Kunersdors  starb  auch  ein  edler  deutscher
Dichter,  Ewald  Christian  von  Kleist,  den  Heldentod.  Nach  einem
herrlichen  Gedichte,  worin  er  den  Frühling  geschildert,  wird  er  der
Sänger  des  Frühlings  genannt.  Kleist  kämpfte  in  Friedrichs  Heer
als  Major.  Er  eroberte  mit  seinem  Bataillon  drei  Batterien.  Die
rechte  Hand  wird  ihm  durch  eine  Kugel  zerschmettert.  Er  nimmt  den
Degen  in  die  Linke  und  rückt  auf  die  vierte  Batterie  los.  Da  streckt
ihn  ein  Kartätschenschuß  zu  Boden.  Seine  Krieger  tragen  ihn  aus
dem  Getümmel;  aber  da  die  Feinde  schnell  nachrücken,  müssen  sie  ihn
in  einem  Graben  legen  und  seinem  Schicksale  überlassen.  Die  Kosacken
fallen,  grimmigen  Raubthieren  gleich,  über  den  Unglücklichen  her  und
reißen  ihm  die  bluttriefenden  Kleider  vom  Leibe.  Da  liegt  der  unsterbliche
  Sänger  des  Frühlings,  aus  vielen  Wunden  blutend,  nackt
und  bloß  im  Moraste.  Russische  Husaren,  die  vorbei  fliegen,  werfen
ihm  aus  Mitleid  einen  Mantel,  etwas  Brod  und  einen  halben  Gulden
  zu;  aber  andere  Kosacken  kommen  nach  und  nehmen  ihm  diese
Spenden  wieder  hinweg.  So  liegt  er  die  ganze  Nacht  ohne  Kleider,
ohne  Verband,  ohne  einen  Labetrunk  bis  zur  Mitte  des  andern  Tages.
In  seine  Wunden  dringt  das  Wasser  des  Morastes  und  macht  sie
tödtlich.  Endlich  ließ  ihn  ein  russischer  Offizier,  der  bei  dem  Unglücklichen
  vorüberging,  nach  Frankfurt  a.  d.  Oder  bringen,  und  11  Tage
nach  der  Schlacht  trennten  sich  die  zerschmetterten  Glieder  und  zerrissen
eine  Pulsader,  worauf  er  am  24.  August  an  einer  Verblutung  starb.
Die  Russen,  welche  die  Stadt  inne  hatten,  gaben  ihm  ein  ehrenvolles
Leichenbegängniß.  Als  der  Trauerzug  sich  in  Bewegung  setzte,  gewahrte
  man,  daß  der  Sarg  ohne  Degen  war.  Ein  russischer  Offtzler
nahm  den  seinigen  von  der  Seite  und  legte  ihn  mit  Thränen  im
Auge  auf  den  Sarg.