Heimweh des Abgeordneten 75
Vetter drehte den Kopf rücksichtsvoll rechts, um nicht zu sehn,
daß mir einiges Scheidewasser in den Bart lief. Es war glaube
ich das erste Mal seit den Schulferienzeiten, daß mir ein Abschied
Thränen kostete, — dieser Rückblick ließ mich, Angesichts
der traurigen Icker von Neu-Kolziglow, Gott recht innig danken
dafür, daß ich wieder etwas habe wovon mir der Abschied schwer
wird.“ — Kräftiger noch wird diese Sehnsucht nach dem Heim,
als ihnen die Hoffnung auf ein zweites Kind erblüht. Im
September 1849 läßt er aus einer sehr langweiligen Kommissionssitzung,
in der haarspaltende Juristen und eitle Schönredner
die einfache Sache so breit treten, daß er mit seinen
Gedanken nicht dabei bleiben kann, diesen freien Lauf zu seiner
Frau: „Laß die Melancholie nicht über Deinem Köpxschen zusammenschlagen;
es ist hart für uns Beide, daß wir immer
getrennt sind seit dem abscheulichen März, aber denk auch, daß
es nicht immer so bleiben kann, hier unter dem wechselnden
Mond, und namentlich laß die Furcht vor dem Dezember Dich
nicht beherrschen; wir alle 1000 Millionen Menschen sind ja
vom Weibe geboren, und an jeder lebenden Seele haftet der
Schmerz und die Gefahr einer Mutter, und wie selten sind
unglückliche Ereignisse dabei; jedesmal wenn sie vorkommen
läßt sich eine Vernachlässigung, ein Leichtsinn oder ein Naturfehler,
den Du nicht hast, nachweisen, und wir wollen Dich
schon pflegen.“ Dem „so gänzlich unverheirateten Ansinnen“,
daß seine Frau in Reinfeld bleibe, widersetzt er sich entschieden.
Er will sie in Berlin haben und will dabei sein.
„Die Entbindung in Reinfeld machen, das ist eine halbe
Scheidung, ich kann und will nicht so lange ohne meine Hanna
sein, wir sind schon oft genug getrennt. Gegen Ende des Monats
hole ich Dich entweder von Reinfeld oder von Zimmerhausen
ab, das ist gewiß wenn Gott will. Sorge also mein Lieb, daß
das Reisewesen im Stand, die Brabanter Kutsch dicht ist, und
was sonst dazu gehört.“ Er fand schließlich in der Behrenstraße
60 eine geräumige Parterrewohnung, wegen deren Lage
er seine Frau beruhigt, da ein Portier, eine Tag und Nacht
verschlossene Haustür und feste Fensterladen da seien. „Wegen