Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

Die  Politit  der  Nadeistiche.  Freisahrkarten.  Diãten.  Expatriierungsgesetz.  493

einsachen  Hinweis  auf  die  „Gleichberechtigung  der  beiden  gesetzgebenden  Körperschaften“:
Bundesrat  und  Reichstag.  Der  Bundesrat  aber  sei  einstimmig  gegen  Diäten.

„Sie  werden  sich  vom  Bundesrat  nicht  imponieren  lassen,  ich  lasse  mir  von  der  Mehrheit
des  Reichstags  nicht  imponieren.  Nein,  m.  H.,  in  keiner  Weise,  dazu  sind  Sie  gar  nicht  die
Männer  .  ..  Ich  habe  mir  ja  von  ganz  Europa  nicht  imponieren  lassen,  Sie  werden  nicht  die
ersten  sein  ...  Wie  setzt  sich  denn  die  Mehrheit  zusammen?  Wenn  sie  aus  übereinstimmender
Überzeugung  hervorginge,  dann  würde  ich  sagen:  das  sind  mehr  als  die  Hälfte  von  397  achtbaren,
  einsichtigen  Leuten;  das  hat  ein  Gewicht.  Das  ist  aber  nicht  der  Fall;  sie  setzt  sich  nach
den  Parteitendenzen  zusammen,  je  nachdem  man  entschlossen  ist,  laktisch  gegen  die  Regierung  zu
stimmen  oder  für  die  Regierung.  Das  Schicksal  aller  Vorlagen  dieser  Session  ist  ja  ganz  klar
vorauszusehen;  die  Parteien  befinden  sich  in  einem  Kampf  um  die  Herrschaft  im  Staat  und
Reich.  Und  wie  stellt  sich  da  die  Zisser?  157  Köpfe  kämpfen  gegen  ein,  ich  will  nicht  sagen  nationales,
  aber  kaiserliches  Interesse,  sie  streben  danach,  die  Herrschaft  von  Kaiser  und  Reich  zu
erhalten,  wie  sie  ist.  Nund  100  Herren  lämpfen  für  die  Herrschaft  der  Geistlichen.  .  Sie  haben
nachher  eiwa  98  demokratische  Abgeordnete;  ich  nenne  sie  dans  mon  tort  intérieur  (ganz  stitl
für  mich)  Republikaner;  denn  ob  jemand  fortschrittlicher  Royalist  oder  royalistischer  Fortschrittler
  ist,  ob  er  eine  Republik  mit  einem  erblichen  oder  ernannten  Präsidenten  will,  das  ist  mir
absolnt  gleichgültig.  Ich  rechne  zu  dem,  was  ich  Demokratie  nenne,  die  Fortschrittspartei,  die
Sozialdemokraten,  die  Volkspartei.  Wir  sind  bisher  im  Besitz  der  Herrschaft  für  den  Kaiser,  und
Sie  wollen  sie  uns  entziehen.  Sie  stimmen  gegen  unsere  Vorlagen,  nicht  weil  Sie  dieselben  für
schädlich  halten,  sondern  weil  die  Regierung  nicht  in  Ihren  Händen  ist.  Wir  kämpfen  um  die
Herrschafl,  die  einen  für  die  des  Kaisers,  die  andern  für  die  der  Geistlichkeit,  die  dritten  für  die
eigene  Herrschaft.  Bald  die  einen,  bald  die  anderen  finden  Unterstützung  von  den  einigen  40  Elementen,
  die  ich  fremdländische  nennen  mochte,  die  das  Reich  an  sich  bekämpfen  und  nicht  wollen;
dazu  gehören  die  Polen,  die  franzosenfreundlichen  Elsässer  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade,
als  indirekte  Milarbeiter,  die  Welfen.  Wir  haben  also  gegen  uns  eine  geborne  Mehrheit  von  fünf
Achtel  ..  dahin  haben  wir  unsere  Rechnung  gemacht  ..  Diese  Mehrheit  entsteht  aus  Gründen,
die  mit  der  Sache  gar  nichts  zu  thun  haben,  und  deswegen  sage  ich:  ob  Sie  die  Diäten  mit  Einstimmigkeit
  beschließen  oder  nicht,  es  wird  mich  doch  nicht  irre  machen.“

Trotz  dieser  Warnungen  wurde  der  Diätenantrag  mit  großer  Mehrheit  angenommen.
  Nun  kam  das  Zentrum  an  die  Reihe  mit  Eröffnung  der  Feindseligkeiten
gegen  den  Reichskanzler  und  durfte  dabei  auf  ebenso  treuliche  Unterstützung  des  Dentschfreisinns
  für  die  ultramontauen  Herzenswünsche  rechnen,  als  das  Zentrum  zuvor  den
Diätenantrag  unterstützi  hatte.  Windthorst  erneuerte  den  drei  Wochen  zuvor  vom
Bundesrat  bereits  abgelehnten  Antrag  auf  Aushebung  des  Expatriierungsgesetzes
(#.  S.  397).  Der  Reichstag  verhandelte  darüber  am  3.  Dezember  und  nahm  den  Antrag
  mit  217  gegen  93  Stimmen  an,  obwohl  Fürst  Bismarck  dessen  bestimmte  Ablehnung
  seitens  des  Bundesrates  vorhergesagt  und  dabei  sich  über  die  deutschseindlichen
  Bestrebungen  des  Zentrums  mit  einer  Schärse  ausgesprochen  hatte,  wie  kaum
je  zuvor.  Zunächst  bezeichnete  Bismarck  die  Erneucrung  dieses  Antrages  als  „eine
Mißachtung  der  verbündeten  Negierungen,  ein  Maß  von  Geringschätzung,  welches  der
Bundesrat  dem  Reichstag  gegenüber  sich  nicht  erlauben  würde;  eine  Pression,  damit  sie
wohlerwogene  Beschlüsse,  drei  Wochen,  nachdem  sie  gefaßt  sind,  zurücknehmen;  eine
Art  von  Geßlerschem  Hut,  den  die  Neichstagsmehrheit  vor  dem  Bundesrut  aufrichtet