Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

Forderungen  König  Wilhelms.  609

Sehr  auffallend  ist  es,  daß  Bismarck  über  einen  der  wichtigsten  Gegenstän
  de  des  Streites  vollständig  schweigt.  Er  sagt  mit  keinem  Worte,  von  wem
der  Gedanke  ausgegangen  ist,  die  großen  Annexionen  ganzer  norddeutscher
Staaten  vorzunehmen.  Nur  wenn  man  aus  seiner  Darstellung  die  darin
nicht  ausgesprochenen  Folgerungen  zieht,  kann  man  zu  dem  Ergebnis  gelangen,
  daß  er  diesen  Gedanken  für  sich  selbst  in  Anspruch  nimmt.  Der
König  hätte  weder  vom  Standpunkt  strafender  Gerechtigkeit  aus  zur  vollen
Annexion  einzelner  Länder,  während  andere  ganz  ungeschmälert  blieben,  gelangen
  können,  noch  von  dynastischen  Gefühlen  aus,  da  ja  der  größte  Teil
der  annektierten  Länder  seinem  Hause  niemals  gehört  hatte.  Indem  Bismarck
andererseits  seine  eigenen  Bedenken  gegen  die  gerstückelung  gegnerischer
Länder  entwickelt,  läßt  er  durchblicken,  daß  er  es  für  besser  gehalten  habe,
diejenigen  Länder,  von  denen  man  aus  irgendeinem  Grunde  überhaupt
Abtretungen  fordern  wollte,  ganz  einzuverleiben.  Er  sagt  dies  aber  nirgends
ausdrücklich,  und  wenn  wir  nicht  wüßten,  daß  tatsächlich  annektiert  worden
ist,  könnte  man  aus  seinen  Worten  auch  die  Meinung  herauslesen,  daß  er
überhaupt  keine  Gebietser  weikerung  für  Preußen  erstrebt  habe.  Hier  ist  also
jedenfalls  eine  bedenkliche  Lücke  in  seiner  Erzählung,  die  man  auf  Grund
anderer  Nachrichten  auszufüllen  versuchen  muß.

Vergegenwärtigen  wir  uns  zunächst  noch  einmal  im  Jusammenhang,
was  wir  von  den  Forderungen  des  Königs  vor  dem  15.  Juli  wissen.  In
jener  oben  wörtlich  mitgeteilten  Aufzeichnung  vom  s.  Julit  treten  Gesichtspunkte,
  wie  sie  ihm  Bismarck  zuschreibt,  kaum  hervor.  Die  Suprematie  über
ganz  Deutschland,  der  Vertrag  mit  Ösierreich  sind  rein  politische  Forderungen
ekwa  in  dem  Sinne,  wie  Bismarck  selbst  gewirkt  haben  will.  Gleichmäßige
Bestrafung  der  Gegner  wird  nicht  verlangk,  da  ja  Hannover  und  Österreich
Land  abtreten  sollen,  die  übrigen  Gegner  nicht,  Baden  sogar  mit  einer  Kontribution
  verschont  werden  soll,  obgleich  es  ebenso,  wie  die  anderen  gegen
Preußen  gekämpft  hat.  Bei  der  nahen  Verwandtschaft  des  Königs  mit  dem
Großherzog  wird  man  hier  ein  dynastisches  Motiv  als  wirksam  annehmen
dürfen;  ebenso  ist  natürlich  die  Forderung  Oftfrieslands  in  der  früheren
Zugehörigkeit  dieses  Landes  zu  Preußen  begründet.  Für  die  Erbfolge  in
Braunschweig  und  fetwas  böhmische  Abtretung“  dürfte  es  dagegen  schwer
sein,  einen  derartigen  Beweggrund  zu  finden.

Eine  Gebietsvergrößerung  will  der  König  von  Anfang  an,  wenn  auch
nur  eine  recht  bescheidene;  es  sei  denn,  daß  man  hinter  dem  Schweigen  über
das  Schicksal  Sachsens  den  Wunsch  nach  ganzer  oder  teilweiser  Einverleibung
dieses  Staates  vermuten  darf.=1

  S.  oben  S.  534.

2  S.  oben  S.  535.

Brandenburg,  Antersuchungen.  30