Full text : Sozialdemokratie, Christentum, Materialismus und der Krieg.

83

träge  und  Übereinkommen  geregelt  war.  Ihr  Jehova  war  ein  Gott
des  Verstandes,  der  zwar  gerecht  aber  strenge  war.  Jesus  hat  diesen
zu  einem  Gott  des  Gemüts  gemacht,  der  als  Vater  ein  Gott  der  Liebe
und  Versöhnung  sein  mußte.  Hiernach  waren  die  Menschen  Gottes
Kinder  und  unter  einander  Brüder  und  Schwestern.  Als  solche  mußte
ihr  Zusammenleben  ebenfalls  ein  solches  der  Liebe  und  Versöhnung  sein.

Jesus  hat  mit  dieser  Lehre  aber  auch  die  nationalen  Schranken
des  Judentums  durchbrochen  und  den  nationalen  Gott  der  Juden  zu
einem  Vater  aller  Menschen  gemacht,  für  den  es  keine  Auserwählte  der
Geburt  und  der  Nation  nach  geben  konnte,  sondern  nur  solche  des
Glaubens  und  der  guten  Werke.  Es  ist  verständlich,  daß  er  sich  mit
solcher  revolutionären  Lehre  den  unversöhnlichen  Haß  der  strenggläubigen
  Juden  zuziehen  mußte,  da  bei  diesen  die  Religion  überhaupt
in  erster  Linie  den  Zweck  hatte,  die  nationale  Zusammengehörigkeit  zu
heiligen  und  zu  festigen.  Für  kosmopolitische  Bestrebungen  konnten
sie  deshalb  nichts  übrig  haben  und  solche  mußten  ihnen  gleichbedeutend
mit  Frreligiositär  sein.  Die  Lehrtätigkeit  Jesu  hat  denn  auch  bald  ein
Ende  dadurch  gefunden,  daß  ihn  die  Juden  mit  Hilfe  der  römischen
Gerichtsbarkeit  ans  Kreuz  geschlagen  haben.  Immerhin  hatte  die  Zeit
aber  genügt,  daß  die  Lehre  in  einem,  wenn  auch  eng  begrenzten  Teile
der  jüdischen  Bevölkerung  derart  tief  Wurzel  fassen  konnte,  daß  sie
nicht  mehr  auszurotten  war.

Durch  den  Tod  Christi  insbesondere  in  Verbindung  mit  der
legendenhaften  Auferstehung  hatte  seine  Lehre  überhaupt  erst  die  richtige
  Werbekraft  bekommen,  denn  dieser  hatte  dadurch,  daß  er  sich  für
seine  Idee  hatte  kreuzigen  lassen,  ein  leuchtendes  Beispiel  gegeben,  die
Nächstenliebe,  d.  h.  die  Liebe  zur  Gattung  über  die  Eigenliebe  zu  stellen
  und  dieses  Beispiel  mußte  als  Geschenk  an  die  leidende  Menschheit
um  so  gewaltiger  wirken,  als  Jesus  nach  dem  Glauben  der  ersten
Christen  es  in  der  Hand  hatte,  sich  mit  Hilfe  von  mehr  denn  zwölf
Millionen  Engel  ein  irdisches  Messiasreich  zu  verschaffen.  Jesus  hat
sich  aber  für  die  sündige  Menschheit  geopfert  und  den  Tod  am  Kreuze
einem  genußreichen  irdischen  Dasein  vorgezogen;  er  hat  dadurch  der
Menschheit  ein  erhabenes  Beispiel  von  Selbstlosigkeit  gegeben,  das
nicht  mehr  übertroffen  werden  konnte,  und  das  in  seiner  Folgerung
mit  der  Lehre  vom  jenseitigen  ewigen  Leben  und  den  dazu  gehörigen
Seelen  den  mit  irdischen  Gütern  nicht  Gesegneten  eine  gewisse  tröstende
und  ausgleichende  Messias-Verheißung  bilden  konnte.  Da  Christus
auch  der  erste  war,  der  den  Juden  eine  solche  Lehre  und  Erkenntnis  als
Trost  und  Evangelium  verkündete,  da  er  auch  selbst  danach  lebte  und
dafür  litt  und  starb,  so  konnte  er  sich  ohne  besondere  Anmaßung
wohl  für  einen  bevorzugten  Gottessohn  ansehen,  den  die  Überlieferung

6