Der Schöpfer von Kaiser und Reich. 91
gemeinsamen Feind, die Revolution, zu vernichten. Oder es hätte ihm
freigestanden, mit demselben Recht, mit dem er Schlesien eroberte, nach
Ablehnung der Frankfurter Kaiserkrone den Deutschen zu befehlen, welches
ihre Verfassung sein solle, aus die Gefahr hin, das Schwert in die
Wagschale zu wersen. Dies wäre eine nationale preußische Politik
gewesen. Sie hätte Preußen im ersten Falle in Gemeinschaft mit
Osterreich, im andern Falle durch sich allein die richtige Stellung
gegeben, um Deutschland zu der Macht zu verhelfen, die ihm in Europa
gebührt.“
Radowitz, der Prinz von Preußen und selbst noch der König waren
nicht ganz ohne Sympathie für den Antrag der Kaiserkrone, und jedenfalls
ganz eingenommen für die Lösung der deutschen Frage auf dem
Wege der Union. Bismarck erklärte sich gegen das eine Projekt so
scharf wie gegen das andere; er war gegen jede Lösung, welche Stärke
für Nimbus hingebe. Jenen wollte das Herz brechen, als Otto von
Manteuffel den Gang nach Olmütz machen mußte: nichts hat in der Seele
Wilhelms aus jener Zeit tieser gehaftet, als daß das gute preußische
Schwert ruhmlos in der Scheide blieb, und unter diesen Eindrücken hat
sich sein junger Sohn mit den Ideen des liberalen Deutschlands erfüllt.
Auch Bismarcks Preußenblut wallte auf, als Österreich mit herrischem
Machtgebot die Wege seines Königs kreuzte. Aber die Politik, die zu
der Katastrophe führte, hat er mit Jubel begrüßt. „Ich bin,“ so
schreibt er an Wagener auf die Nachricht von Radowitz' Entlassung,
„vorgestern bei Lesung Ihres Montagsblattes vor Freude auf meinem
Stuhl rund um den Tisch geritten, und manche Flasche Sekt ist diesseits
des Gollenberges auf die Gesundheit des Herrn v. Radowitz getrunken
worden; zum ersten Mal fühlt man Dank gegen ihn und wünscht ihm
ohne Groll glückliche Reise. Mir selbst ist das Herz recht frei geworden,
und ich fühle ganz mit Ihnen; lassen Sie jetzt Krieg werden, wo und
mit wem man will, und alle preußischen Klingen werden hoch und
freudig in der Sonne blitzen.“ Wiederum Worte von fridericianischem
Klang; es ist, als sähe man Seydlitz und seine Kürassiere den Pallasch
zur Attacke heben. Selbst ein Gefinnungsgenosse Bismarcks wie Leopold
Gerlach, der doch auf seinen geheimen Wegen das meiste zu der Katastrophe
beigetragen hatte, sprach davon in einem andern Tone. Seine
Anschauungen hatten sich in den Freiheitskriegen und in der Epoche der
Restauration gebildet; er betrachtete den Bund mit den Ostmächten im
Lichte der heiligen Allianz und wollte Preußens Macht dem Kampf
gegen die Revolution dienstbar machen. Auch er also stellte die Doktrin
über das Vaterland, und das Wort Bismarcks von der weinerlichen