Stavenhagen: Die deutschen Ostseeprovinzen
sind sie im Handwerkerstande vertreten, ja einzelne
Handwerke, wie das der Schneider und Klempner,
sind namentlich in den kleineren Städten fast ganz
in ihren Händen. Politisch und kulturell halten sie es
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de frühesten Mittelalter ist cn er Baltenmark
das Dominium maris Baltici in militärischer
wie handelspolitischer Hinsicht gebunden. Die Baltenmark
mit den Häfen Riga, Reval, Windau, Libau,
Pernau, Narva war 1911 das Transitland für ein
Drittel der gesamten russischen Ausfuhr und 30 Proz.
der Einfuhr. Riga war der größte Ausfuhrhafen
und der weitgrößte Einfuhrhafen Rußlands, der erste
Holzh andelsplatz der Welt und überragte mit seinen
fast 4 Millionen Registertonnen ein- und ausgegan.
gener Schiste den ersten deutschen Ostseehafen Stettin
(3,, Mill. Tonnen). Ausgeführt wurden aus Riga
in erster Linie Holz, Eier, Flachs, Felle, eingeführt
Maschinen, Kautschuk, Kohlen, Baumwolle, Chemikalien,
Kaffee, Tee, Heringe usw. Über die Ostseehäfen
ging die gesamte Lebensmittelausfuhr Sibiriens, der
rößte Teil der Flachs= und Leinsaatausfuhr, drei
Ferrter der russischen Fellausfuhr usw. Anderseits
wurde die gesamte russische Industrie mit Ausnahme
des polnischen Rayons über die Ostseehäfen mit Rohstoffen
(über 50 Proz. der Baumwolleinfuhr), Halbfabrikaten,
Kohlen und Maschinen versorgt. Der Handel
Deutschlands, das 1911 an der gesamten Einfuhr
nach Rußland mit 46,6 Proz. und an der russischen
Ausfuhr mit 32 Proz. beteiligt war, geht zum größten
Teil durch die Ostseehäfen und hat in letzter Zeit
in diesen das übergewicht über Großbritannien, den
Hauptabnehmer und Hauptgeber der russischen Ostseeaus-
und einfuhr, errungen.
Von grundlegender Bedeutung für die Zukunft ist
nun die Tatsache, daß der durch die baltischen Häfen
gehende Handel, vor allem die gewaltige, oben erwähnte
russische Ausfuhr, bei einer Abtrennung der
ganzem Baltenmark von Rußland nicht auf andere
ege umgeleitet werden kann. Der Holzhandel ist
ohnehin an die Flüsse, vor allem die Düna, gebunden.
Im übrigen geht der Handel nach Westen, vor allem
England= kann also des kürzeren Weges und der deshalb
billigeren Seefracht, Sezversicherung usw. wegen
nicht über Odessa oder gar das über die Hälfte des
Jahres vereiste Wladiwostok umgeleitet werden. Petersburg
kommt aber als Umleitungshafen aus demselben
Grunde wie Wladiwostok nicht in Frage.
Der übergang der baltischen Provinzen an Deutschland
würde nicht nur alte daseinsfähige und berechtigte
Verhältnisse wiederherstellen, sondern unserem
Reiche wirtschaftlich und politisch in der Ostsee gegenüber
Rußland eine überaus vorteilhafte und feste
Stellung sichern.
Die zukünftige wirtschaftliche Bedeutung der sehr
fruchtbaren drei Provinzen besteht in ihrer Landwirtschaft,
in ihrem Getreidebau und ihrer Viehhaltung.
Angebaut werden hauptsächlich Roggen, dann Gerste
und Hafer. Weizen wird in größeren Mengen nur in
Kurland geerntet. Daneben iell namentlich in Estland,
der Kartoffelbau eine große Rolle. Der Durchschnitts-Hektarertrag
an Weizen, Roggen und Gerste
betrug 1910: 1141 kg. gegenüber 800 kg in den benachbarten
russischen Gouvernements und 1500 kg in
Ostpreußen. Was die Viehhaltung anbetrifft, so entfielen
1910 auf 100 Einwohner 19 Pferde, 58 Rinder,
46 Schafe und Ziegen und 26 Schweine. Die entspre-87
chenden Ziffern für Deutschland 1912 sind: 7, 31, 14,
33. Es ist nun berechnet worden (vgl. die ausgezeichnete
Arbeit von Warmbold, Ramin und Müller,-Die
Volkswirtschaft der russischen Ostseeprovinzen-), daß
die Baltenmark bei Anwachsen hrer Bevölkerung von
2,5 Millionen auf 4,5 Millionen Einwohner (s. unten),
also etwa auf die Höhe der Bevölkerungsdichte in Ostpreußen,
nach Deckung des eigenen Bedarfs unter der
Voraussetzung, daß Landwirtschaft und Verkehrsverhältnisse
auf die Höhe Ostdeutschlands gehoben
würden, mindestens auszuführen imstande wäre:
1 Million t Getreide (Roggen, Weizen, Gerste, Hülsenfrüchte),
100000 Stück Pferde, 100—120000 Stück
Rindvieh, 800—900000 größere Läuferschweine, 36
Millionen Liter Spiritus. Deutschlands Einfuhr vor
Ausbruch des Krieges war etwa 1 Million t Brotgetreide
(nach Abzug der Mehl- und Getreideausfuhr),
3 Millionen t Futtergerste, 140000 Stück Pferde,
250000 Stück lebendes Rindvieh. Dazu käme nun
noch das durchschnittlich ebenso fruchtbare Litauen in
der Größe des Königreichs Bayern.
Vongroßer Bedeutungsind diegroßen Forstbestände
des Landes; 25 v. H. (in Kurland sogar 34½ v. H.)
der Gesamtfläche sind von Wald bestanden. Dazu zu
rechnen wäre noch, da das Wiese= und Weideland zum
größten Teil mit Bäumen besetzt ist, die Hälfte von
diesem, so daß die Waldfläche etwa 43 v. H. beträgt.
Diese gibt schon icht jährlich Loßz für 55 Millionen
Mark her. Durch Ghrung der Verkehrsverhältnisse
und Meliorationen ließe sich die Ertragsfähigkeit noch
sehr bedeutend steigern.
Seit der Witteschen Ara war in der Baltenmark eine
recht bedeutende Industrie emporgeblüht, deren Produktionsziffer
1908 etwa 250 Millionen Rubel etrug.
Am wichtigsten ist die Textilindustrie; es folgen die
chemische Industrie, zu der nach der russischen Statistik
die große Gummiindustrie Rigas gehört, die Metallindustrie,
die Nahrungsmittel-, die Papier- und
Holzstoffindustrie. über ihr zukünftiges Schicksal etwas
im allgemeinen auszusagen, ist unmöglich, da
sie zum Teil, aber nur zum Teil, ihre Bllite den russischen
Schutzzöllen und dem freien, durch Differentialtarife
begünstigten Absatz im russischen Hinterlande
verdankt.
Siedlungswesen. Eine große Bedeutung wird
die Baltenmark in Zukunft vielleicht einmal als Siedlungsland
haben. Von grundlegender Bedeutung ist
hier, daß in dem fruchtbaren Lande nur 28,,6 Einwohner
(1897) auf dem Quadratkilometer wohnen,
und daß es an Kräften gebricht, das Land genügend
intensiv zu bewirtschaften. Nach der Revolution ging
eine Gruppe baltischer Großgrundbesitzer daran, deutsche
Bauern aus dem Innern Rußlands bei sich anzusiedeln.
Bis zum Ausbruch des Krieges waren etwa
20000 Kolonisten angesiedelt, die es ausgezeichnet verstanden
haben, sich unter den anders gearteten wirtschaftlichen
Verhältnissen in die Höhe zu arbeiten,
und die einen auf eigenen Füßen stehenden Kleingrundbesitz
entwickelt haben. Reichsdeutsche Siedlungsspezialisten,
die einen Hauptteil der Kolonien
nach der Besetzung Kurlands besichtigt haben, stellen
ihrer Lebensfähigkeit ein vorzügliches Zeugnis aus.
In dieser Siedlungstätigkeit könnte in großem Maßstab
fortgefahren werden. Als Siedlungsland kämen
in Betracht die Domänenländereien, die in Kurland
22 v. H., in Livland 14 v. H. der Gesamtfläche ausmachen
(in Estland unbedeutend sind), ½ der Ländereien
des Großgrundbesitzes, zu dessen Abtretung