VI. Kanzler und Großadmiral.
—— ——
Weigerung, den Inselstandpunkt zu begreifen, für jeden
Engländer zur Gewißheit machten.
Das war der zweite große Wendepuntkt in den deutschenglischen
Beziehungen: 1901 deutsche Ablehnung einer
entente cordiale mit nachfolgender diplomatischer Abkehr
von der alten Freundschaft mit Deutschland, 1912 deutsches
Versäumen einer Wiederannäherung an England mit nachfolgender
riesiger Steigerung des englischen Marineetats
und dem Abschluß einer schriftlichen Ehrenverpflichtung
zwischen England und Frankreich zu gemeinsamen Maßregeln
im Falle eines unprovozierten Angriffs einer dritten
Macht. Von übertriebnem Selbstvertrauen erfüllter Seemachtwille
stürmte blindlings an dem zweiten Wendepunkt
vorbei, der doch eine für den Frieden in Europa günstige
Lockerung der Einkreisungspolitik gegen Deutschland in
Aussicht stellte.
Der Ausbruch des Weltkrieges hing wesentlich von der
Hoffnung der Kriegstreiber an der Newa und an der Seine
auf die Kriegshilfe Englands ab. Für keine der Zweibundmächte
hätte das Vertrauen in die gegenseitige Bundesgenossenschaft
ausgereicht. So wenig wie das deutsche Volk
wollte das englische den Krieg. Die Gefahr und das Risiko
war gleich groß für beide, für das englische bis zum Eintritt
Amerikas in den Krieg vielleicht noch größer. Ganz England
glaubte fest an aggressive Tendenzen der deutschen
Floktenpolitik. Deshalb duldete und begünstigte das
liberale Ministerium die Feindseligkeit der Ententegenossen
gegen Deutschland. Wäre aber diese machtpolitische Gegnerschaft
Englands durch eine vertragliche Begrenzung der
Seerüstungen nicht mehr oder nur in geringerer Schärfe
vorhanden gewesen, so hätte wahrscheinlich die Julikrise
1914 einen andern Verlauf genommen und Deutschland und
mit ihm Europa hätten nicht ihr großes Unglück erlebt.
1