Die Gesamteinigung bleibt letztes Ziel. 519
lichen Einigung des ganzen außerösterreichischen Deutschland, ganz abgesehen
davon, ob das Ausscheiden aus dem Jollverein und der wirtschaftliche Anschluß
an Ssterreich für die süddeutschen Staaten nicht den materiellen Ruin
zur Folge gehabt haben würde. Alles in allem betrachtet muß man doch
sagen, daß die Durchführung dieses Planes einen viel weitergehenden Verzicht
auf die einigenden Momente bedeutet hätte, als ihn Bismarck sonst
vor dem Kriege hat zugestehen wollen. Ich kann mir daher nicht
denken, daß es ihm damit wirklich ernst gewesen ist, und möchte eher glauben,
daß er von vornherein darauf rechnete, die Sache werde an dem Mißtrauen
Ssterreichs scheitern oder durch die Einfügung von Bedingungen zugunsten
Italiens, die ja das Promemoria vom 2. Mai ebenfalls bereits andeutett,
zum Scheitern gebracht werden können. Für die Feststellung dessen, was er
selbst für die Jukunft Deutschlands erstrebe, wird man diese Gablenzschen
Vermittelungsvorschläge jedenfalls nicht heranziehen können.
Bismarck spricht sich über seine Zukunftspläne in diesen Monaten niemals mit
voller Deutlichkeit aus?, allein es gewährt doch schon Einblick in seine damalige
Auffassung, daß er im Frühling r866 den von französischer Seite angeregten
Gedanken, die Unterstützung Napoleons durch die Abtrekung der linksrheinischen
Gebiete Bayerns und Hessens zu erkaufen, mit voller Bestimmtheit
zurückwies. Er begründete diese Ablehnung damit, daß durch ein solches
Verfahren „die nationale Entwicklung des Planes abgeschnitten werde“.“ Wäre
es ihm ganz ausschließlich auf die Herrschaft Preußens über den Norden von
Deutschland angekommen, so hätte er für die Erreichung dieses 2weckes ohne
Bedenken süddeutsche Gebiete opfern können. Daß er dies zurückwies und
1 Dies übersieht Friedjung #r, 306, wenn er eine Illoyalität gegen Italien in Bis marcks
Verfahren erblickt. Lenz zor macht auf diese Klausel aufmerksam, und weist mit Recht darauf
hin, daß es so gut wie unmöglich war, solche Bedingungen, die Italien befriedigt hätten, von
ÖSsterreich zu erlangen.
2 Es soll indessen wenigstens bemerkt werden, daß Bismarck in seinem Briefe an Herzog
Ernst von Cokurg vom 9. Juni r866 (Aus meinem Leben 3, 527) die im Augenblick erstrebte
Lösung ansdrücklich nur als eine vorläufige bezeichnete.
* 3. B. in einem Telegramm an Goltz v. 9. März 1866, s. oben S. 462 f. Über die Situation
vgl. Sybel 4, 285f. Dies Telegramm ist wichtig, da es nicht zur Mitteilung an Napoleon,
sondern ausdrücklich zur persönlichen Information von Goltz bestimmt war. — Man
könnte vielleicht einen Widerspruch zwischen dieser Abneigung, deutsches Gebiet an Frankreich
zu überlassen, und der oben bekundeten Bereitwilligkeit zur Preisgabe eines erheblichen
Teiles von Schleswig an Dänemark finden. Jur Erklärung dient einmal die Verschiedenheit
der Situation; im April 1864 war an die Lösung der größeren nationalen Frage für absehbare
Feit noch nicht zu denken; sodann aber war es doch etwas anderes, ob man bisher zum
deutschen Bunde gehörige Gebiete den Fremden auslieferte, oder ob man sich mit der nur
teilweisen Erwerbung eines zwar größtenteils von Deutschen bewohnten, bisher aber ganz
außerhalb der deutschen politischen Gemeinschaft stehenden Landes begnügte.