Full text : Unser Pommernland. 3. Jahrgang 1915/16. (3)

Aus  einem  stillen  Winkel.

Jugend-  und  Krigserinnerungen
aus  Pommern.

Die  Preußen  haben  Paris  genomm'n,
Nun  werden  auch  bess're  Zeiten  komm'n!
Trara,  trara,  trara!

So  jauchzte  alle  Welt  auf,  als  vor  101  Jahren
die  Kunde  in  die  Heimat  drang,  daß  am  31.  März
die  verbündeten  Heere  ihren  Einzug  in  die  Hauptstadt
  Napoleons  gehalten  hatten.  So  jubelten  auch
wir  noch  als  Kinder  in  den  sechziger  Jahren  des
vorigen  Jahrhunderts,  wenn  wir,  mit  Holzschwertern
  und  Lanzen  bewaffnet,  die  alte  Stodtmauer
gestürm  hatten.  Das  Verschen  wurde  nach  der
Weise  des  Zapfenstreiches  gesungen,  der  man  sonst
in  meiner  Heimat  von  der  Zeit  her,  als  der  Volksstamm
  der  Kassuben  noch  zahlreich  an  der  hinterpommerschen
  und  westpreußischen  Küste  saß,  die
Worte  unterzulegen  pflegte:

Wo  kommen  denn  alle  Kaschuben  her,
Es  sind  ja  so  viele  wie  Sand  am  Meer?
Von  Stolp,  von  Stolp,  von  Stolp.

Und  wie  mir  jetzt,  angesichts  der  herrlichen
Ruhmestaten  unseres  Heeres,  der  alte  Reim  im
Ohr  klingt,  da  werden  mit  einem  Schlage  auch  die
letzten  Nachklänge  wieder  wach,  die  von  dem  großen
  Ringen  unserer  Heldenväter  um  die  Freiheit
noch  in  meine  Kindheit  hinüberhallten.

Da  seh  ich  wieder  beim  Großvater  auf  dem
Heuboden  neben  der  großen  Sense,  die  der  alte
Nachbar  Schmiedemeister  einst  geradegereckt  hatte,
damit  das  friedliche  Werkzeug  des  Landmannes  zur
gefährlichen  Stoßwaffe  in  der  Hand  des  Landsturmmannes
  werde,  das  alte  Gewehr  des  Urgroßvaters
  mit  dem  eingerosteten  Feuersteinschloß  hängen,
  an  dessen  Hahn  wir  Kinder  uns  immer  vergeblich
  abmühten.  Da  sitzen  wir  wieder  zu  Füßen
der  zarten,  kränklichen  Großmutter,  die  immer  so
gut  und  freundlich  zu  mir  war,  und  höven  sie  vom
der  Königin  Luise  erzählen,  die  einst  (wohl  auf  der
Rückreise  von  Königsberg  im  Jahre  1809)  auch  in
dem  kleinen  Städtchen  geweilt  hatte;  wie  die  Leute
trotz  des  schlechten  Wetters  hinausgeströmt  waren
vor  das  Tor,  um  ihre  geliebte  Königin  zu  begrüßßen.
  Da  hatte  die  Königin  den  Wagen  halten  lassen
  und  hatte  den  kleinen  Prinzen  einer  Kammerfrau
  abgenommen  und  emporgehoben  und  der  tief

Von  Drof.  Dr.  Brunk.

ergriffenen  Menge  gezeig.  Dabei  hatte  sie  so
„fal“  (d.  i.  gelblich  und  welk)  ausgesehen,  daß
jedermann  ahnte,  sie  würde  es  nicht  mehr  lange
machen."“

Daun  kam  wohl  die  Mutter  mit  dem  jüngeren
Bruder,  um  uns  zu  einem  kleinen  Spaziergang
durch  die  Hausgärten  vor  der  Stadt  abzuholen.
Auf  den  schmalen  Wegen,  wo  aus  dem  hohen
Grase  so  schön  der  9°“  Löwenzahn  und  die  blaue
Wegwavte  hervorschaute,  ging's  an  den  Töpferöfen
  vorbei,  die  so  geheimnisvoll  ihren  schwarzen
Mund  aufsperrten,  durch  den  niedrigen  Wallgraben
zum  lindenbeschatleten  „alten  Kirchhof"“,  wo  im
Frühling  immer  der  Flieder  so  wunderbar  blühte,
daß  er  sich  tief  herabneigte  auf  die  schiefen  Kreuze
und  die  bemoosten  Grabsteinplatten.  Vom  Kirchhof
stiegen  wir  eine  halbzerfallene  Steintreppe  empor  zu
der  Bastion  der  alten  Stadtmauer,  und  dann  bogen
  wir  mit  etwas  bangem  Herzen  in  den  düsteren
Gang  ein,  der  zwischen  der  hohen  Mauer  und  dem
asten  Golzengut  zur  inneren  Stadt  führte.  „Hier
hat  die  arme  Königin  Luise“,  so  erzählte  uns  die
Mutter,  „als  sie  auf  der  beschwerlichen  Reise  Rast
machte,  eine  Nacht  geruht  in  einem  Zimmer,  auf
dessen  Tapete  Schmetterlinge  zwischen  Rosen  schwebten;
  und  als  sie  nach  einer  sanften  Nacht  erwachte
und  sich,  durch  den  Schlummer  ergquickt,  froh  in
dem  Zimmer  umschaute,  hat  sie  lächelnd  gesoagt:
„Unter  Rosen  habe  ich  geschlafen,  und  Schmetterlinge
  haben  mich  wachgeküßt.“  Ehrfurchtsvolle-feierlich
  blicten  wir  Kinder  durch  die  mächtige  Einfahrt
in  den  großen  Burghof,  der  unter  dem  Riesenlaubdach
  uralter  Bäume  in  grünlichem  Dämmerlicht  dalag.


Dann  brachten  wir  der  Großmutter  den  Felbblumenstrauß,
  den  wir  unterwegs  nach  Kinderart
der  Mutter  in  die  Hand  gedrückt  hatten,  und  berichteten
  ihr,  noch  voll  von  dem  Gesehenen,  von
unsern  Ueinen  Erlebnissen.  Zum  Lohn  erzählte  sie
uns,  wie  die  bösen  Franzosen  für  ihren  Uebermut
gestraft  worden  waren.  Ste,  denen  vorher  nichtls
gut  genug  gewesen  war,  die  die  Schüsseln,  die
ihnen  die  armen  Ackerleute  und  Handwerker  vorsetzten,
  oft  zu  Boden  geschleudert  oder  den  Hunden
hingeworfen  hatten,  sie  waren  eines  Tages  zerlumpt
  und  zum  Gerippe  abgemagert  aus  Rußland
zurückgekehrt  und  bettelten  nun  um  ein  Stücchen