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Lebensweise und unsere Gewohnheiten, namentlich unsere Art den Tag
einzuteilen, himmelweit verschieden ist. So wenig wir den Sommer
zum Winter und umgekehrt machen, in jenem die Hauptstadt aufsuchen,
in diesem aufs Land gehen, so wenig wir die Nacht zum Tage machen,
und aus der Abendmahlzeit das Mittagsbrod, so wenig scheint sich die
Verlegung der parlamentarischen Sitzungen vom Morgen auf den
Abend für unsere Verhältnisse zu eignen. Aber wir haben doch die
Erfahrung für uns, daß sich die Abendversammlungen unserer Parlamente
immer durch eine besondere Frische und Munterkeit ausgezeichnet
haben. Die After-Diner-Laune hat ihnen niemals Eintrag gethan.
Nur die Gewohnheit sträubt sich dagegen: die Theater und Attraktionen
konkurrieren zu empfindlich um diese Zeit. Der Vorteil der Abendsitzungen
würde darin liegen, daß die in Berlin ansäßigen Parlamentarier,
die ihre Geschäfte nicht über ihrem gesetzgeberischen Beruf vernachlässigen
wollen, für die spätere Tageszeit disponibel werden. Die
Zahl solcher Abgeordneten ist in früheren Jahren oft als eine ins
Gewicht fallende berechnet worden. Von dem Abgeordnetenhause wissen
wir, daß an einem Tage von 13 in Berlin wohnenden Mitgliedern
der Fortschrittspartei 12 fehlten, und zwar an einem Tage, wo in einem
hartnäckigen Streit mit dem Herrenhause der Sieg des letzteren durch
jene fehlenden Stimmen herbeigeführt wurde. In England beginnen
die Unterhaussitzungen am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag
um 4 Uhr, des Sonnabends ist keine Sitzung. Am Mittwoch, wo
man von 12 Uhr morgens tagt, werden nur die unbedeutenderen Privatbills
erledigt, was bekanntlich zum Muster für unsere Schwerinssitzungen
geworden ist. Zu den Hauptsitzungen kommt man, nach Beendigung
allerlei laufender Geschäfte, gewöhnlich erst zwischen 5 und 6 Uhr an
die eigentliche Arbeit. Auf diese Weise können die Minister den Tag
über ihren Büreaugeschäften nachgehen und kommen nicht, wie bei uns,
mit diesen in Konflikt. — Die Londoner Advokaten aber, welche Unterhausmitglieder
sind, plaidieren am Tage in den verschiedenen Gerichtshöfen,
die Kaufherren der City besuchen die Börsen. Wir haben dafür
Richter, Stadträte, Zeitungsredakteure u. s. w., die in Berlin ihren
Wohnsitz haben.
Man bringt die Quorumfrage immer in Verbindung mit der
Diätenfrage. Im allgemeinen liegt es ja auf der Hand, daß der diätenlose
Reichstag sich mehr zu bedenklichen Lücken seiner Sitzreihen neigt,
als das diätarische Abgeordnetenhaus. Das Mitglied des Abgeordnetenhauses
sagt: der Steuerzahler betrachtet den Abgeordneten als bezahlten
Arbeiter, dessen pflichttreue Anwendung der Pfründe er von der Galerie