Volltext : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1842. (33)

I!.  Die  Hauptrichtungen  der  preußischen  Geschichtschreibung.  15

Vergangenheit,  die  für  die  sittliche  Ausbildung  der  Jugend  und
der  ganzen  Nation  besonders  wertvoll  sind.  Wenn  ein  Volk  zu
dem  Glauben  gewöhnt  wird,  es  sei  vor  anderen  berufen  und
vom  Geschick  begünstigt,  so  entwöhnt  es  sich  bald  jener  thatkräftigen
  und  pflichttreuen  Auffassung  des  Lebens  und  der  von
ihm  gestellten  Ansprüche,  die  der  zu  haben  pflegt,  der  sich  bewußt
  ist,  sein  Leben  jeden  Tag  erst  von  neuem  gewinnen  zu
müssen.  Nur  allzu  leicht  wird  es  sorglos  dem  Genusse  des
Erreichten  leben,  statt  in  ausdauernder  Selbstzucht  sein  Streben
auf  immer  höhere  Ziele  zu  richten.  Insofern  wird  jene  Behandlung
  der  vaterländischen  Geschichte,  wenn  sie  nicht  mehr
eine  litterarische  Erscheinung  ist,  sondern  ein  staatlich  anerkanntes
  und  staatlich  angewandtes  Moment  der  nationalen  Erziehung
  und  Bildung  wird,  geradezu  eine  nationale  Gefahr.
Die  jüngeren  Generationen,  welche  die  Vergangenheit  allein
unter  diesem  Gesichtswinkel  sehen  lernen,  werden  zu  einer  irrigen
Wertschätzung  derselben  verleitet,  die  auch  ihre  Stellung  zur
Gegenwart  und  ihre  Erwartungen  von  der  Zukunft  beeinträchtigt.
  Eutgeht  ihnen  damit  doch  einer  der  wirksamsten
Impulse  zu  eigenem  pflichtmäßigen  Handeln.  Es  genügt  auch
dafür  an  die  Erfahrungen  zu  erinnern,  welche  die  Franzosen
gemacht  haben.  Der  entschlossene  Bruch  mit  dem  bisherigen
System  der  Schmeichelei  gegen  die  nationale  Eitelkeit,  als  dessen
vornehmster  und  unheilvollster  Vertreter  Thiers  mit  seiner  planmäßigen
  Fälschung  der  Geschichte  erscheint,  war  zweifellos  eine
der  bezeichnendsten  und  segensreichsten  Wirkungen,  welche  das
nationale  Unglück  des  Jahres  1870—1871  auf  die  Franzosen
ausgeübt  hat:  denn  sie  kam  unmittelbar  der  Volkömoral  zu  gute.

Treiben  wir  jetzt  nicht  einer  ähnlichen  Gefahr  entgegen?
Denn  man  wird  doch  wohl  annehmen  dürfen,  daß  die  für  den
Geschichtsunterricht  auf  den  preußischen  höheren  Schulen  als
leitend  anerkannten  Gesichtspunkte  dieselben  sind,  welche  in  den
für  den  Unterricht  der  künftigen  Offiziere  bestimmten  Grundrissen
  entwickelt  worden  sind.  Wohl  hat  es  nicht  an  Stimmen
gefehlt,  die  mit  ernster  Warnung  auf  diese  bedenkliche  Seite
der  jüngsten  Unterrichtsresorm  hinwiesen.  Auch  hat  die  historische
Wissenschaft  laut  Einsprache  erhoben  gegen  eine  Methode,  die