Metadata : Der Fehlspruch von Versailles.

wünschen.  Mehr  als  alles  andere  würde  dieser  Sieg
dazu  beitragen,  von  den  Grenzen  Belgiens  die
Gefahreines  Kriegesfernzuhalten,dessenFolgen
das  Land  fürchten  müsse,  einerlei  wie  sein  Ausgang
  sei!).  Auch  würde  die  Preisgabe  der  dreijährigen  Dienstzeit
imWesten  Europas  voraussichtlich  wieder  eine  dauerhaftere  Lage  schaffen.

Dieser  von  Beyens,  gerade  von  Beyens,  sieben  Wochen  vor  dem  Ausbruche
  der  Feindseligkeiten  erstattete  Bericht  bedarf  keiner  weiteren
Hinzufügung.  Nicht  Deutschland  ist  es,  das  zeigt  er  uns  klar,  von  dem
eine  Störung  des  europäischen  Friedens  zu  erwarten  steht.  Denn  Deutschland
  braucht  keinen  Krieg;  in  wenigen  Jahren  wird  es  ohne  Widerspruch
und  ohne  Kampf  in  ganz  Mitteleuropa  herrschen,  wenn  es  nur  abzuwarten
versteht.  Aber  die  Einführung  der  dreijährigen  Dienstzeit  in  Frankreich
bedroht  Europa.

Die  wirkliche  Kriegsgefahr  ging  vom  Zweibunde  aus.  Er  rüstete  sich
zu  dem  vernichtenden  Schlage,  auf  den  alle  Vorbereitungen  seit  Jahrzehnten
  eingestellt  waren.  Dieses  Urteil  ist  nicht  etwa  ein  deutscherseits
nachträglich  Konstruiertes,  sondern  es  wird  uns  von  dem  belgischen  Gesandten
  in  Paris,  dem  Baron  Guillaume,  unmittelbar  vor  dem  Eintritt
der  Katastrophe  von  Serajewo  vermittelt.

In  einem  Rundschreiben  des  Brüsseler  Außenministeriums  vom
3.  Juli  1914  heißt  es  auf  Grund  eines  Pariser  Berichtes  vom  24.  Juni?):
„Frankreich  und  Rußland  spielen  wahrhaftig  in
diesem  Augenblick  ein  sehr  gefährliches  Spiel.
Siesteigern  sich  wechselseitigaufdem  Wege  der
Rüstungen  bis  zum  äußersten  und  geben  sich  —
hauptsächlich  Rußland  —  einem  Bluff  hin,  der
die  ernstesten  Folgen  zeitigen  könnte.  Die  Unzulänglichkeit
  der  Verkehrsverhältnisse  Rußlands,  der  ungenügende  Ausbau
seiner  Eisenbahnen,  die  Rückständigkeit  seines  Verpflegungswesens
sprächen  eigentlich  gegen  eine  Kriegsbereitschaft  des  riesigen  Reiches.
„Wie  dem  auch  sei,  die  russischen  Anstrengungen  verursachef  in  Berlin
ein  tiefes  Mißbehagen,  und  man  drängt  immer  mehr  auf  die  Vollendung
der  an  der  Weichsel  unternommenen  Arbeiten.  In  11%  oder  2  Jahren
wird  Deutschland  das  vorgesehene  Höchstmaß  seiner  Land-  und  Seestreitkräfte
  erreicht  haben.  Seine  militärische  Macht  wird  auch  gewaltig
sein,  und  man  fragt  sich,  wie  man  es  verhindern  soll,  davon  Gebrauch  zu
machen.‘

Baron  Guillaume  erwähnt  sodann  die  Reise  Poincar&s  nach  Petersburg,
  wo  er  zweifellos  zu  stärkeren  Rüstungen  angestachelt  habe,  und  die
Entsendung  Delcasses  zu  gleichem  Zwecke.  Alles  dies  müsse  in  Berlin

1)  Diese  Erörterungen  über  die  für  Belgien  wünschenswerte  Preisgabe  des
französischen  Militärgesetzes  hat  das  belgische  Zirkular  vom  25.  Juni  (Bd.IV,  S.  202ff.)
gestrichen.

2)  Bd.  IV,  S.  205/206.

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