Volltext : Deutsche Geschichte. Erster Band. (1)

Das  Oftgotenreich  in  Stalien.  Theodorich  der  Große  (493-526).  51

heit  hob  fich  die  erwerbende  Tätigkeit  in  Handel  und  Wandel;  öffentliche
  Werke,  Bauten  und  Straßenanlagen  wurden  wieder  aufgenommen,
  neues  Xeben  gab  fich  Fund  und  jelbjt  auf  Literarischem
Gebiete  tauchen  neue  Berühmtheiten,  Kafftodorus  und  Boethius,  auf.
Sn  diefem  Lande  der  Mitte  wurden  die  Goten,  wenn  aud  nicht
gerade  jehr  tief,  Doch  in  jedem  Falle  tiefer  von  der  romanischen  Kultur
berührt  al3  die  Germanen  auf  afrifanıichem  und  Selbit  -  auf
galfiichem  Boden.  Wenigitens  in  äußeren  Dingen,  Kleidung,  Gerät,
Lebenshaltung  nahmen  fie  vieles  von  den  Beliegten  an,  und  nicht
übel  bezeichnet  eine  unferer  Quellen  diefe  Außenfeite  der  gejell-Ichaftlichen
  Berhältniffe  mit  den  Worten,  daß  der  arme  Römer
gern  den  Goten,  der  reiche  Gote  gern  den  Römer  gejpielt  habe.
Sm  übrigen  aber  bildeten  die  Goten  einen  Kriegeradel  oder  eigenen
Kriegeritand  mit  militärischer  Organifation  und  regelmäßigen  friegerijchen
  Übungen,  ftet3  bereit,  auf  gegebene  Signale  fich  jchnell
zu  einem  SHeere  zufammenzufchliegen.  Sie  allen  führten  die
Waffen,  auc)  lebten  fie  und  wurden  fie  nach  ihren  eigenen  Rechtsgemwohnheiten
  gerichtet,  wie  die  Romanen,  für  die  aud)  der  ganze
römisch-katjerliche  Berwaltungsapparat  blieb,  nach  römischen  Nechte;
die  Örundfteuer  zahlten  aud)  die  Goten  und  ihr  Ertrag  fand  unter
einem  Negenten  wie  Theodorich  nübliche  Verwendung.  Die  Yandverteilung
  oder  XYandübertragung  an  die  Eroberer  jcheint  mit
Schonung  gejchehen  zu  jein.  Man  konnte  fie  zum  Teil  mit  den
Zofen  der  Überwundenen,  der  Krieger  Ddoafers,  beftreiten:  und  da
Zheodorichs  Abficht  war,  etwas  Dauerndes  zu  Ichaffen,  und  er  zu
diefem  Bwede  eine  möglichlte  Annäherung  der  beiden  Elemente,
  des  römijchen  und  de3  barbarijchen,  erftreben  mußte,  jo
milderte  er,  wo  immer  Übermut  und  Eigennuß  des  Sieger3  den
römischen  Unterworfenen  zu  vergewaltigen  trieb.  Bet  einem  Bejuche,
den  er  —  e3  geichah  erit  ım  fiebenten  Sabre  feiner  Regierung  —
der  Stadt  Rom  abjtattete,  während  er  jonft  fein  Hoflager  in  Ravenna
oder  Verona  hielt,  wurde  er  mit  allen  Heichen  befriedigter  Unterwürfigfeit
  empfangen.  E3  war  ein  jehr  jtarfes  Königtum,  duch

feine  Bolfsverfammlungen  bejchränft,  beraten  durch  einen  Staat3-4*