Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Fünfter Teil. Bis zur März-Revolution. (28)

774  XXXV.  Kühne  an  Bodelschwingh.

Wie  aber  sind  die  Leute  beschaffen,  auf  deren  Unterstützung  Sie  dabei  rechnen?

Wenn  Ihnen  die  Folgen  deutlich  vor  Augen  stehen,  die  aus  der  monströsen  Allianz
erwachsen  würden;  mögen  Sie  voraussetzen,  daß  die  Leidenschaftlichkeit  der  in  sich  entgegengesetzten
  Parteien  gleiche  Voraussicht  bewahren  würde?  —  Preußens  Zukunft,  die
Frage  über  das  Sein  oder  Nichtsein  des  Staates,  dem  wir  beide  mit  gleicher  Innigkeit
zugetan  sind,  beruht  darauf,  daß  diese  Versammlung  der  vereinigten  Landtage  mit  Ruhe
und  Ordnung  in  Frieden  und  Einigkeit  mit  der  Regierung  zu  Ende  geführt  werde  und
daß  die  Versammlung,  wenn  nicht  mit  dem  Erfolge,  doch  mit  der  sichern  Hoffnung  auseinandergeht,
  daß  mit  ihr  und  durch  sie  ein  gedeihlicher  Grund  zum  Besserwerden
  gelegt  sei.  —  Mißlingt  dies,  dann  haben  wir  —  das  spreche  ich  nochmals  als  meine
innerste  Überzeugung  aus,  kein  Mittel  mehr,  um  zu  regieren.  —

Ich  bin  wie  der  Jude  Lipke,  der  von  Ihnen  lieber  eine  Ohrfeige  als  von  andern
einen  Händedruck  hinnimmtl  aber  selbst  wenn  es  zu  solchem  Extreme  käme,  so  zerreißen
Sie  doch  lieber  diesen  Brief  nicht,  damit  er  ein  Beweis  bleibe,  daß  ich  vielleicht  noch
zu  rechter  Zeit  gewarnt  habe.

In  treuester  Anhänglichkeit  und

ehrerbietigst
Kühne.

B.  d.  3.  April  47.

 

Druck  von  August  Pries  in  Leipzig.