Full text: Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Vierter Band. (4)

Noch einmal „Um Elsaß.- Lothriugens willen“ 517 
einigung der Nationen mit bestimmten Vertragsbedingungen, durch welche 
die politische Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit der großen wie der 
kleinen Nationen gewährleistet werde. 
Im Nachwort zu diesen Thesen erklärte Wilson ausdrücklich, daß er 
nicht auf die Schwächung Deurschlands ausgehe, daß er das Reich nicht zu 
einem Wechsel seiner Einrichtungen veranlassen wolle, sondern daß er nur 
Deutschlands Vorherrschaft bekämpfe, und daß das aufgestellte Drogramm 
den Grundsaß der Gerechtigkeit für alle Bölker und Nationen, seien sie groß 
oder klein, stark oder schwach, beachtet wissen wolle. 
Dieses Drogramm war Woodrow Wilsons eigenstes Werk, das Kind 
seines Geistes, beseelt von der Idee des Bölkerbundes, behaftet mit Schwächen 
und Zufälligkeiten, die seinem Erzeuger teils bekannt, teils unbekannt waren, 
die er aber willig hinnahm, um die schöne Seele zu retten. Da Wilson nur 
für sich sprach, war die Entente nicht an dieses Drogramm gebunden, und 
da das Drogramm in allgemeinen Wendungen abgefaßt war, ließ es den 
Mächten, denen die Vereinigten Staaten sich angeschlossen hatten, die Dög- 
lichkeit, die einzelnen Punkte mit tief ins deutsche Lebensinteresse und in die 
Entwicklung des deutschen Volkes greifenden Forderungen zu erfüllen. 
Noch einmal „Um Elsaß-Lothringens willen“ 
Das deutsche Volk las das angelsächsische Weltmanifest und geriet bald 
in Versuchung, die 14 PDunkte, von eigenem Rechtsempfinden geleitet, so zu 
seinen Gunsten auszulegen, daß es darin zwar den Verzicht auf Elsaß-Loch. 
ringen und die flandrische Küste, auf die Aufrichtung einer wie immer ge- 
arteten Herrschoft über die östlichen Gebiete ausgesprochen fand, aber keines- 
wegs annehmen konnte, man werde mehr von ihm verlangen als Wilsons 
konkrete Forderungen erkennen ließen. 
Oie Notwendigkeit des Verzichtes auf Elsaß-Lothringen trat in der 
Botschaft Wilsons klar und nacke zutage. Wilson halte im 8. Punkt aus.- 
drücklich gesagt: „Das Unrecht, das Frankreich von PDreußen im Kriege 1871 
in bezug auf Elsaß-Lochringen angetan wurde, das Unrecht, welches den 
Weltfrieden während nahezu 50 Jahren in Frage gestelle hat, sollte wieder 
gutgemacht werden, damit der Frieden im Interesse aller wieder sichergestellr 
werden kann.“ Wilson stellte sich damit an Frankreichs Seite und machte sich 
Frankreichs Forderung ausdrücklich zu eigen, nachdem England sich bereits 
durch Geheimvertrag verpflichtet hatte, so lange für diese Forderung einzu- 
treten und zu kämpfen, als Frankreich sie selbsi aufrecht erhalte. 
Das war ein schwerer Schlag für die deutsche Politik. Staatssekretär 
v. Kühlmann, der Nachfolger Zimmermanns, hatte am 9. Oktober 1917— 
also in einem enescheidungsvollen Augenblick nach dem Scheitern der englisch-