Full text: Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Zweiter Band. (2)

490 Aus den Betrachtungen zur Kriegslage 
legte darauf besonderes Gewicht), die Deutschen hätten die Rückzugslinie über 
Lodz und Kalisch verloren. Daraufßhin setzte die russische Offensive sowohl in 
Ostpreußen als auch in Polen kühner ein. 
Die Hauptmasse des russischen Heeres mag in Polen über Lodz hinaus bis 
an die Warta, über Petrokow hinaus bis über die Widawka und über Kielce 
und die Nida hinaus bis Miechow und dicht vor Krakau, in Galizien endlich über 
Tarnow bis an den Dunajec gelangt sein. Nun hat sie der von uns vermutete 
Stoß Hindenburgs in ihrer rechten Flanke getroffen. Die deutsche 
Meldung, die unseren gestrigen Betrachtungen auf dem Fuße folgte, stellte klar, daß 
die bei Thorn gebildete deutsche Offensivgruppe den rechten Flügel der russischen 
Hauptarmee umfaßt und in schwerer Schlacht um mehr als 40 Kilometer, und zwar 
in nordsüdlicher Richtung, geworfen hat. Der deutsche Stoß gelangte bis Kutno 
in die innere Flanke, und schon dicht an die Rückzugslinie Lods—Warschau. 
Es ist die Frage, ob es den Russen gelingt, an der Bzura, die südlich Kutno einen 
von Westen nach Osten gerichteten Abschnitct bildet, mit versammelten Kräften die 
Umfassung aufzuhalten. Hindenburg hatte jedoch, ehe er bis Kutno drang, schon 
durch das siegreiche Gefecht bei Lipno seine eigene linke Flanke vor jedem Einbruch 
sichergestellt, indem er die auf dem rechten Weichselufer ihrerseits zur Entlastung 
ihres rechten Flügels vormarschierenden russischen Kräste auf Plock zurückwarf. 
Unter diesen Umständen wird es den Russen schwer fallen, die Bzura zu halten. 
In den Kämpfen bei Lipno und Plock und der Schlacht bei Mlockawek. 
Kutno haben die Russen nach deutscher Meldung einen großen Ausfall an Ge- 
fangenen und Material gehabt, der durchaus den Verhältnissen entsprechen 
dürfte, wie sie bei glücklichen Flankenangriffen entstehen. Der weitere Verlauf 
der Opera tionen im Osten hänget ab von der Widerstandsfähigkeit der Russen 
wesllich Warschau, den Kräften, die Hindenburg dort weiter vorführen kann und 
dem Gerhalten der kompakten russischen Masse im Zentrum und auf 
dem linken Flügel, wo jent die Osterreicher die erste Berührung mit dem Feind 
auf Grund der Neugruppierung melden. 
Die bei Wloclawek gefallene Entscheidung hat die Offensive der Russen 
an ihrer verwundbarsten Stelle getroffen, bedeutet aber keinen Abschluß, sondern 
erst die Einleitung der großen Kriegshandlung, die dem östlichen Kriegsschauplatz 
neucs Gepräge gibt. 
18. November 1914. Nr. 546 (Abendblatt). 
Die Meldung des russischen Gencralskabs vom 17. November spiegelt die 
Uberraschung wider, die Hindenburg den NRussen mit seinem Flankenstost 
bereitet hat. Das Telegramm ist in dieser Hinsicht geradezu ein Dolument, denn 
es offenbart sich darin die Verkennung der Lage, in der sich der russische General. 
stab befunden hat, indem er sich in der Hoffnung wiegte, die Deutschen bei Warschau 
und Iwangorod vollständig geschlagen zu haben. 
Die MRussen bestätigen heute, wie langsam und ungestört dieser strategische 
Rückzug vor sich ging, denn die Deutschen nahmen sich Zeit, die Verbindungen 
in Polen so gründlich zu zerstören, daß die Russen jegt, wo sie selbst wieder an 
Rückzug denken müssen, in die peinlichste, ja geradezu kritischste Cage lommen könnten. 
ODaß die Deutschen dann die schlesischen Bahnen zur Konzentration eines Offensiv.