Volltext : Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Vierter Band. (4)

298  Die  allgemeine  politische  Lage  um  die  Sahreswende  1916

der  Entente,  die  als  gemeinsame  Note  der  zehn  alliierten  Oroß-  und  Klein.
staaten  am  30.  Dezember  1916  ausgegeben  wurde,  um  so  wortreicher,  wärmer
und  schmuckvoller,  ganz  auf  Fermwirkung  geslellt  und  darauf  bedacht,  nicht
mrr  die  Friedensbedingungen  in  Wendungen  von  großer  Schlagtraft  zu  umschreiben,
  sondern  auch  darauf  berechnet,  diese  Bedingungen  als  mit  der
Wölkerbundsidee  vereinbar  erscheinen  zu  lassen.  Die  Note  fing  sogar  Wilson
in  kunstvoller  Schlinge,  indem  sie  mit  Genugkuung  davon  Kenntnis  nahm,
daß  die  amerikanische  Mitteilung  nicht  mit  dem  Friedensangebot  der  Mittelmächte
  zusammenhänge.  Die  Alliierten  legten  gegen  eine  Gleichslellung
Deutschlands  mit  den  Übrigen  Mächten  Verwahrung  ein,  erklärten  aber,
sie  zweifelten  nicht,  daß  die  amerikanische  Negierung  entschlossen  sei,  den
blassen  Schein  einer  moralischen  Unterstützung  Deutschlands,  „des  verantwortlichen
  Urhebers  des  Krieges“,  zu  vermeiden.

Das  Schriftstück  emhielt  den  erstaunlichen  Satz:  „Eine  geschichtliche
Tatsfache  steht  gegemvärtig  fese,  nämlich  der  Angriffswille  Deueschlands
und  Osterreich-Ungarns,  um  ihre  Vorherrschaft  in  Europa  und  ihre  wirt.
schaftliche  Herrschaft  über  die  Welt  zu  sichern.“  Da  diese  kühne  Behauptung
das  Fundament  der  englisch  französisch-russischen  Kriegspolitik  bildete,  war
die  Anerkennung  dieses  Sages  durch  die  Welt  für  die  Entente  wichtiger  als
durchschlagende  Waffensiege  an  der  Westfront.  Machte  sich  die  Offentlichkeit
  Amerikas  die  Auffassung  über  die  alleinige  „Schuld“  Deutschlands  am
Wellkriege  zu  eigen,  so  waren  die  Vereinigten  Staaten  für  die  Kriegsziele
der  Entente  gewonnen.  Daß  es  sich  dabei  nicht  um  eine  bündig  festgestellee
geschichtliche  Tatsache,  sondern  um  eine  politische  Behauptung,  ein  „Kriegs.
mansver",  handelte,  war  den  Verfassern  der  Note  wohlbekannt,  aber  sie
waren  in  der  Lage,  diese  Legende  mit  einem  blendenden  Schein  von  Wahrheit
zu  umgeben,  indem  sie  darauf  hinwiesen,  daß  Deutschland  den  Krieg  erklärt
und  die  Neutralität  Belgiens  und  Luxemburgs  verlegt  habe.  Da  die  Alliierten
des  Eindrucks  dieser  Worte  gewiß  waren,  für  den  die  geschickte  Propaganda
der  englischen  und  französischen  Presse  seie  Kriegsbeginn  den  Boden  gelockert
  hatte,  scheuten  sie  vor  der  Bekanntgabe  ihrer  Kriegsziele  nicht  zurück.
Sie  unterschieden  sich  dadurch  in  Wilsons  Augen  vorteilhaft  vom  Wierbund,
  wie  immer  die  Bedingungen  beschaffen  sein  mochten.

Die  Note  forderte  viel.  In  erster  Linie  verlangee  die  Entente  die  Wiederberstellung
  Belgiens,  Serbiens  und  Montenegros,  die  Räumung  der  beseczten
  Gebiete  Frankreichs,  Rußlands  und  Rumäniens  und  gerechte  Entschädigungen
  und  Wiedergutmachungen,  ferner  eine  Neuordnung  Europas,
Achtung  des  Nationalitätenprinzips  und  der  Rechte  aller  kleinen  und  großen
Wölker,  territoriale  Vereinbarungen  und  internationale  Regelungen,  die  geeignet
  seien,  Land.  und  Seegrenzen  gegen  ungerechefertigte  Angriffe  zu  schüten,
die  Zurückgabe  jener  Provinzen  und  Gebiete,  die  den  Alllerten  in  früheren
Zeiten  durch  Gewalt  oder  gegen  den  Willen  ihrer  Bevöllerung  entrissen