Seiler des hundertjährigen Reformationsjubiläuns. 601
Zuthers ein für allemal der Raum frei gemacht: fie Hat den Yugang
zur Duelle neu eröffnet, aus welcher nun viele Millionen täglıh für
idr Denken und Handeln, für alle Lebensbetätigungen in viel reinerer
und Stärferer Weile getränft wurden als aus dem trüben Brunnen,
in welchem eine mehr und mehr gefällchte und entartete Tradition,
vermifcht mit allerlei Unmwahrheit weltlichen ZXebens, den Trank für
ihre Gläubigen bereit hielt. Wlan muß aber, werın man die Bedeutung
diejer Zeiten und die fernere Entwicklung unjeres VBolfes verstehen
will, tiefer fteigen und fich nach dem neuen Lebensprinzip umfehen,
das Kräfte hervorrief und entfaltete, die fich auch in dem fatholiich
gebliebenen Zeile der Nation und der Menfchheit wirkffam erwiefen.
Zumeift in der Literatur, in dem, was geichrieben und gelejen
wird, pflegt fich der Geilt, da3 Denken und Empfinden, das Dichten
und Trachten, da3 Tun und Leiden der Nationen niederzufchlagen.
Hier ift für das Ddeutiche Volk zunächit merkwürdig, daß in eben
diefer Zeit und durch denselben Mann, der feine Spaltung in
Katholiken und Broteitanten herbeigeführt hat, die Nation eine
gemeinfame Sprache und Schrift — eine Literaturjprache erhalten
hat und daß zugleich troß der Trennungen und Spaltungen eben
jebt daS Nationalbewußtfein, das Gefühl der Gemeinfamfeit der
Snterejien und Empfindungen eine bis dahin nicht gefannte Stärfe
und Bemwußtheit erlangt hat. Luther hatte mit jeiner Bibelüberfegung
in einer Sprache, die volfstümlicd) war und doc, über
den Bplfsdialeften Itand, der Nation ein VBolfsbuch im volliten
Sinn gegeben und gleichlam in die Hand gedrüdt: in unzähligen
Eremplaren gedrudt, lag e3 den folgenden Generationen vor als
Grundlage der Predigten, der häuslichen wie der öffentlichen Andacht,
ja eines großen Teils ihrer Gejpräche und Unterhaltungen,
der Literatur und der dramatischen Aufführungen. Der unendliche
Neichtum der Heiligen Gefchichte und der Gejchichte eines
eigenartigen Bolfes, die fich zurlegt auf die eine Berjünlichkeit Jefu
fonzentriert und zugleich eben damit zur Weltgeichichte im höchften
Sinne erweitert — diefer Reichtum gejchichtlichen Lebens unter
dem Gefichtspunft göttlichen Wirken und Waltens vorgeführt, jebt