— 156 —
wurden. Die nationale Zerrüttung ist erst im Gefolge der Gegenreformation,
wie sie die spanischen Priester einleiteten und die
spanische Soldateska durchführen half, herbeigeführt worden.
Ihr Ergebnis war der Dreißigjährige Krieg. Selbst dieser hat
indes die dem Protestantismus innewohnende nationale Kraft
nicht zu brechen vermocht. Indem der Kurfürst von Brandenburg
sich aus eigner Machtvollkommenheit heraus, im Geiste
des Protestantismus, die Königskrone aufsetzte, dem Papste zum
Trotze, knüpfte er unmittelbar an Luther an und legte damit
die Grundlage für den deutschen Nationalstaat, im Gegensatz
zu dem Heiligen Römischen Reich von Papstes Gnaden.
Innerhalb der Historikerzunft ist es neuerdings hergebracht,
Friedrich dem Großen die nationale, auf ein Deutsches
Reich gerichtete Tendenz abzusprechen. Er hätte ausschließlich
preußischePolitik getrieben, als wäre diese, richtig erfaßt, nicht
naturnotwendig deutsche Politik gewesen! Man lese doch
nur Friedrichs „Betrachtungen über die europäische politische
Lage‘‘, wie er sie 1737, noch als Kronprinz, zu Papier gebracht
hat, und man wird sich überzeugen müssen, daß er nach seiner
eigenen Auffassung der elementaren, ein für allemal gegebenen
Verhältnisse gar keine andre Politik, als eine deutsch-nationale,
hat treiben können. Maßgebend war ihm sein eigenstes Erlebnis.
Sein Vater, Friedrich Wilhelm I., fühlte sich so vorbehaltlos
als deutscher Fürst und Reichsstand, daß er, wie Friedrich nicht
genug hervorheben kann, es als selbstverständliche Pflicht ansah,
die spezifisch brandenburgisch-preußischen Interessen im Notfalle
denen des Gesamtreiches hintanzusetzen. Die europäische
Krisis, wie sie im Gefolge der polnischen Frage nach Hingang
Augusts des Starken, des ersten sächsischen Kurfürsten, der
die polnische Königskrone getragen hatte, anfangs der 30 er
Jahre, hereingebrochen war, erheischte die Konzentration der
preußisch-brandenburgischen Macht im Osten. Die Vereinigung
von Sachsen und Polen, mit dem römisch-katholischen Habsburg
im Hintergrunde, bedrohte den preußischen Staat in seiner
ganzen Existenz. Als daher die Österreicher mit Hilfe der russischen
Waffenmacht die Königswahl des Sohnes Augusts des
Starken in Warschau durchsetzten, hielt es Friedrich Wilhelm I.
mit dem Gegenkönige Stanislaus Lesczynski, der mit Hilfe
französischer Gelder von der Gegenpartei auf den Schild gehoben
worden war und seine Zuflucht vor der russischen Waffenmacht