Full text : König Albert von Sachsen. Ein Lebensbild.

—  75  —

getroffen  und  mit  ihm  über  Unterbringung  und  Verpflegung
der  sächsischen  Truppen  an  der  Iser  und  über  die  nächsten
Operationen  sich  besprochen  hatte.  Merkwürdigerweise  existierte
  im  österreichischen  Lager  kein  fester  Feldzugsplan.  —

Am  selben  24.  Juni  erreichte  den  Kronprinzen  der
telegraphische  Befehl,  daß  er  auch  den  Oberbefehl  über  das
I  österreichische  Korps  und  die  1.  leichte  Kavalleriedivision
zu  übernehmen  habe;  ersteres  stand  nördlich  der  eben  von
den  sächsischen  Truppen  eingenommenen  Stellung  bei  Münchengrätz
  und  letztere  war  etwas  weiter  nach  Norden  gegen
Reichenberg  vorgeschoben.  Diese  sämtlichen  Truppen  sollten
der  unter  dem  Prinzen  Friedrich  Karl  aus  der  Lausitz  heranziehenden
  I.  preußischen  Armee,  die  93.000  Mann  zählte,
den  Weg  sperren,  zählten  aber  nur  rund  52  000  Mann
mit  7  700  Pferden  und  162  Geschützen.  Es  kamen  infolge
dieser  Erweiterung  des  Kommandos  schwere  Tage  der  Arbeit,
Aufregung,  Verantwortung  für  den  Kronprinzen,  der  sich
jedoch  zu  jeder  Stunde  des  Tages  und  der  Nacht  den  Verhältnissen
  gewachsen  zeigte.  Freilich  war  er  bei  seinen  Maßnahmen
  durch  die  allzuhäufigen  Bestimmungen  des  österreichischen
  Hauptquartiers  an  eigenen  Entschlüssen  oft  gehindert;
  dazu  waren  Benedeks  Depeschen  mitunter  unklar  und
hinkten  den  Ereignissen  nach.  Die  Iserlinie  ließ  sich  gegenüber
  der  andringenden  Übermacht  nicht  halten;  man  mußte
sich  in  der  Richtung  auf  das  Gros  der  Armee  nach  Südosten
  zurückziehen.  Die  Stadt  Gitschin  mußte  aber  jedenfalls
solange  gehalten  werden,  bis  die  Nordarmee  Benedeks  herangekommen
  war  und  man  der  Übermacht  des  Feindes  die  Wage
halten  konnte.  In  der  Uberzeugung  von  der  Notwendigkeit,
Gitschin  zu  halten,  wurde  er  noch  durch  eine  ihm  in  diesem  Platze
am  29.  Juni  nachmittags  2  Uhr  übergebene  Depesche  bestärkt,  in
der  der  Feldzeugmeister  die  Ankunft  des  III.  Armeekorps  noch  für
den  29.,  das  Nachrücken  des  Gros  für  den  30.  ankündigte.
Es  war  freilich  sonderbar,  daß  diese  Depesche,  vom  27.  Juni
datiert,  erst  am  28.  Abends  6  Uhr  von  Josephstadt  abgeschick
  und  nun  glücklich  nach  19  Stunden  in  dem  nur
5  Meilen  entfernten  Gitschin  an  ihre  Adresse  gelangt  war.
Aber  lange  darüber  Erhebungen  anzustellen  oder  nachzudenken
war  keine  Zeit,  denn  der  Feind  stand  schon  in  unmittelbarer