14 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Jan. 29.)
ringens auch in dieser Beziehung mit den übrigen deutschen Staaten. Die
staatsrechtlichen Schwierigkeiten, die diesem Verlangen entgegenstehen, liegen
auf der Hand. Die „volle Verfassung“ zielt in erster Linie auf die Beseitigung
des Diktaturparagraphen. In letzterer Beziehung hat sich die Regierung
wiederholt dahin ausgesprochen, daß sie sich freuen würde, wenn ihr
die Möglichkeit gegeben wäre, diesem Verlangen nachzukommen. Sie hat
aber auch die Bedingungen für diese Möglichkeit nicht verhehlt, und zu diesen
gehört in erster Linie eine energische Zurückweisung der Pariser Agitation
seitens der hervorragenderen Vertreter des Landes. Solange von Paris her
gewühlt und die Wühlerei nicht von den maßgebenden elsaß-lothringischen
Kreisen aufs nachdrücklichste zurückgewiesen wird, ist der Diktaturparagraph
ein unentbehrliches Korrektiv.
29. Januar. (Deutsches Reich.) Eine von seinen Freunden
veranstaltete großartige Leichenfeier des in Amerika plötzlich verstorbenen
sezessionistischen Abg. Lasker wird von der sezessionistischen
Partei zu einer Art parlamentarischer Demonstration gegen die Regierung
benützt, namentlich in der Leichenrede des Abg. Bamberger,
welche auch diejenigen Kreise peinlich berührt, welche, obgleich vielfach
seine politischen Gegner, doch seiner unzweifelhaften Ehrenhaftigkeit,
seiner persönlichen Uneigennützigkeit und seinen anerkannten Verdiensten
gern alle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen gewünscht hätten.
29. Januar. (Preußen.) Abg.-Haus: Der Beginn der Beratung
des Kultusetats führt zu einer höchst interessanten Debatte
über die kirchenpolitische Sachlage.
Windthorst spricht der Regierung und dem Minister seinen aufrichtigen
Dank für die Rückberufung der Bischöfe von Münster und Limburg
aus, bedauert aber, daß für Köln und Posen noch nicht dasselbe geschehen
und daß überhaupt nicht bekannt sei, was die Staatsregierung zur Herbeiführung
des allseitig erwünschten Friedens in dieser Session beabsichtige. Der
Vorwurf, daß das Zentrum in seinen Forderungen maßlos sei, entbehre der
Berechtigung; solange dem Zentrum immer nur ein Teilchen gewährt werde,
könne man sich nicht wundern, wenn es immer dringender das Ganze verlange,
das heißt den früheren Zustand, um den man die preußischen Katholiken
beneidete. Mit Befriedigung sei anzuerkennen, daß man trotz der scharfen
Worte des Ministers die Gesetzgebung nicht stille stehen lassen wolle; nur
entbehre man eine Übersicht über die Richtung, in welcher vorgegangen werden
solle. Bisher seien wenigstens die Maigesetze in ihrem Zusammenhange
und in ihrer Grundlage noch unberührt; was bisher in Besetzung der theologischen
Lehrstühle versäumt worden, sei zwar teilweis nachgeholt, aber in
der entsprechenden Richtung sei noch nichts für die Besetzung der philosophischen
Lehrstühle geschehen; es seien überhaupt zu wenig theologische Lehrstühle
vorhanden, und es müßten die Seminare wiedereröffnet werden, wenn dem
in nächster Zeit zu erwartenden Priestermangel begegnet werden soll. Unbegreiflich
sei übrigens, wie man nicht verstehen wolle, daß die Kirche ihre
Priester selbst ausbilden will; ähnlich mache es der Staat ja bei den Offizieren
der Armee, und ebenso müsse die Kirche gleichmäßig die Jurisdiktion
über ihre Beamten haben. Die Regierung stehe mit verschränkten Armen
da, es könne aber den Katholiken das bisherige Hinhalten nicht weiter genügen.
Über den zurückberufenen oder etwa neu zu ernennenden Bischöfen